Liebe Leserinnen und Leser,
haOlam.de wird privat betrieben – ohne Verlag, ohne Unterstützung durch Institutionen. Damit wir unsere Arbeit auch 2026 fortführen können, möchten wir bis Jahresende mindestens 6.000 Euro erreichen, ideal wären 10.000 Euro. Jeder Beitrag hilft – auch kleine Beträge machen einen Unterschied.

Israel wusste, wo sie saßen: Araghchi offenbart Teherans Sicherheitskollaps


Irans Außenminister beschreibt Trümmer, Panik und eine Führung ohne sicheren Zufluchtsort. Seine Aussagen bestätigen, wie tief israelische und amerikanische Nachrichtendienste in den Machtapparat des Regimes blicken konnten.

haOlam-News.de - Nachrichten aus Israel, Deutschland und der Welt.

Die iranische Führung hat monatelang behauptet, der Angriff vom 28. Februar habe den Staat nicht erschüttert und die Islamische Republik sei jederzeit handlungsfähig geblieben. Nun zeichnet ausgerechnet Außenminister Abbas Araghchi ein anderes Bild: zerstörte Räume, eingestürzte Decken, tote Mitarbeiter, verschwundene Kommunikationswege und Spitzenfunktionäre, die nicht wussten, wer noch lebte.

In einem mehr als 90 Minuten langen Gespräch mit dem iranischen Dokumentarfilmer Javad Moghouei schilderte Araghchi die ersten Stunden des amerikanisch-israelischen Angriffs, bei dem der damalige Oberste Führer Ali Khamenei getötet wurde. Der Außenminister befand sich am Morgen des Kriegsbeginns in einem Gebäudekomplex der iranischen Führung und besprach mit Ali Asghar Hedschasi, einem hochrangigen Mitarbeiter Khameneis, einen Bericht über die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten. Kurz nach neun Uhr begannen die Einschläge.

Drei Explosionen seien innerhalb kurzer Zeit immer näher gekommen. Der letzte Treffer habe den Gebäudeteil von Hedschasis Büro unmittelbar getroffen. Wände und Decken stürzten ein, Wasser lief aus beschädigten Leitungen und aus den Trümmern waren Hilferufe zu hören. Hedschasis Sekretär wurde nach dem Bericht sofort getötet. Araghchi und Hedschasi konnten sich durch Balken, Bretter und Schutt ins Freie kämpfen.

Es ist eine Schilderung, die kaum zur späteren Siegespropaganda Teherans passt. Der iranische Außenminister selbst beschreibt keinen geordneten Krisenstab, sondern einen Führungskomplex in Trümmern und Funktionäre, die nach dem Angriff zunächst den Überblick verloren hatten.

Kein Büro, kein Dienstwagen, kein sicherer Ort

Araghchis Dienstwagen war offenbar getroffen worden. Ein junger Sicherheitsmitarbeiter brachte ihn deshalb in einem gewöhnlichen Kleinwagen zum Außenministerium. Danach wechselte der Minister nach eigener Darstellung ständig seinen Aufenthaltsort. Die normalen Büros wurden aufgegeben, Ersatzräume eingerichtet und selbst diese galten nicht als zuverlässig geschützt.

Araghchi formulierte die Lage ungewöhnlich offen: Außer in tiefen Tunneln habe es keinen wirklich sicheren Ort gegeben. Doch auch ein unterirdischer Zufluchtsort löste das Problem nicht. Wer sich dort zurückzog, musste nach seinen Worten mehrere Tage bleiben und konnte seine Aufgaben außerhalb kaum wahrnehmen. Die iranische Führung stand damit vor einer Wahl zwischen Schutz und Handlungsfähigkeit.

Zeitweise habe Araghchi seine Leibwächter aufgefordert, ihn nicht zu begleiten. Gegen einen gezielten Raketenangriff könnten sie ohnehin nichts ausrichten und würden möglicherweise nur gemeinsam mit ihm sterben. Hinter diesem Satz steht das Eingeständnis, dass selbst hohe Funktionäre des Regimes ihren eigenen Sicherheitsapparat nicht mehr für ausreichend hielten.

Drei Tage lang habe man versucht herauszufinden, welche Führungspersonen überlebt hätten und wer getötet worden sei. Das ist für einen Staat, der sich nach außen als lückenlos kontrollierter Sicherheitsapparat präsentiert, eine vernichtende Aussage. Der Angriff traf nicht allein Gebäude. Er zerschlug in den ersten Stunden Kommunikationswege, Befehlsketten und das Vertrauen der Führung in ihre eigenen Schutzmaßnahmen.

Besonders schwer wiegt Araghchis Einschätzung der israelischen Aufklärung. Der Angriff erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem mehrere hochrangige Vertreter an verschiedenen Orten zu Sitzungen zusammengekommen waren. Nach seiner Darstellung besaßen Israel und die Vereinigten Staaten genaue Kenntnisse über diese Treffen und die Bewegungen der Führung.

Araghchi erklärte, diese Genauigkeit lasse sich für ihn nicht mehr allein mit technischer Überwachung erklären. Die Sicherheitsbehörden gingen deshalb der Frage nach, ob menschliche Quellen oder Verräter innerhalb des iranischen Machtapparates Informationen weitergegeben hätten. Er sprach von einer Sicherheitslücke, die möglicherweise noch immer bestehe.

Damit bestätigt ein amtierender iranischer Minister, was Israel seit Jahren durch seine Operationen demonstriert: Der Schutzwall des Regimes ist durchlässig. Israel wusste nicht nur, wo sich militärische Anlagen befanden. Seine Dienste konnten offenbar nachvollziehen, wann sich führende Vertreter trafen, welche Gebäude sie nutzten und wo der innere Machtzirkel erreichbar war.

Die Vorstellung, sämtliche Erfolge seien ausschließlich durch Satelliten, abgefangene Nachrichten oder künstliche Intelligenz ermöglicht worden, überzeugt selbst Araghchi nicht mehr. Sein Hinweis auf mögliche menschliche Unterwanderung trifft das Regime an seiner empfindlichsten Stelle. Die Islamische Republik lebt von Überwachung und Misstrauen. Nun muss sie fürchten, dass Informanten bis in ihre geschützten Führungskreise gelangt sind.

Ein Nachfolger, den selbst der Außenminister nie getroffen hat

Auch Araghchis Angaben zum neuen Obersten Führer zeigen, wie abgeschottet und beschädigt das Machtzentrum geblieben ist. Ali Khamenei wurde am 28. Februar bei den ersten amerikanisch-israelischen Angriffen getötet. Sein Sohn Mojtaba Khamenei wurde am 8. März zu seinem Nachfolger ernannt. Er erlitt bei dem Angriff schwere Verletzungen im Gesicht und an den Beinen und ist seitdem nicht öffentlich aufgetreten. Neue Sprach- oder Bildaufnahmen wurden nicht veröffentlicht.

Araghchi sagte, er habe Mojtaba Khamenei noch nie persönlich getroffen. Nach seiner Einschätzung hätten ihn seit dem Angriff überhaupt nur sehr wenige Menschen gesehen. Dass selbst der Außenminister keinen unmittelbaren Zugang zum Obersten Führer besitzt, zeigt eine Führung, die sich aus Angst vor weiteren Angriffen nahezu unsichtbar gemacht hat.

Die Geheimhaltung mag den verletzten Nachfolger schützen. Sie wirft zugleich die Frage auf, wer im Iran tatsächlich entscheidet. Präsident Masoud Pezeshkian erklärte zuletzt lediglich, der Umfang der „Interaktion“ mit Mojtaba Khamenei nehme täglich zu. Eine solche Formulierung ersetzt keinen öffentlichen Auftritt und beseitigt auch nicht die Zweifel an seinem Gesundheitszustand oder seiner tatsächlichen Handlungsfähigkeit.

Araghchi enthüllte zudem einen Notfallplan mit der Bezeichnung „Code 110“. Dieser sollte offenbar ausgelöst werden, falls der Oberste Führer angegriffen würde. Zu den vorbereiteten Maßnahmen gehörte nach seinen Angaben auch die Schließung der Straße von Hormus. Die Zahl verweist auf Artikel 110 der iranischen Verfassung, in dem die Befugnisse des Obersten Führers geregelt sind.

Das Regime hatte sich also auf einen Angriff vorbereitet. Trotzdem gelang es Israel und den Vereinigten Staaten, den obersten Führer zu töten, zentrale Gebäude zu treffen und hochrangige Funktionäre zeitweise voneinander abzuschneiden. Vorbereitung bestand, doch sie reichte nicht aus.

Bemerkenswert ist auch Araghchis ungewöhnlich offene Kritik an der Fortsetzung der Kämpfe. Gegenüber dem iranischen Medium ISNA erklärte er, ein zehn Tage früher vereinbarter Waffenstillstand hätte die bis dahin erzielten Ergebnisse nicht verändert, aber mehreren führenden Funktionären möglicherweise das Leben gerettet. Man dürfe mit dem Schicksal des Landes und dem Leben der Menschen nicht spielen.

Diese Worte sind mehr als eine rückblickende Überlegung. Sie richten sich gegen jene Kräfte innerhalb des Regimes, die jeden Kompromiss als Schwäche behandeln und militärische Verluste in religiöse Opfererzählungen verwandeln. Araghchi sagt damit indirekt, dass Iran einen Teil seines späteren Schadens selbst hätte vermeiden können.

Gleichzeitig hält er an der offiziellen Behauptung fest, die Islamische Republik habe ihre strategischen Ziele erreicht und sei nicht bezwungen worden. Doch seine eigenen Erinnerungen erzählen eine andere Geschichte. Eine Führung, die durch Trümmer kriecht, tagelang ihre Toten zählt, ihre Büros verlässt und selbst dem Außenminister den Zugang zum neuen Obersten Führer verwehrt, hat keinen ungebrochenen Triumph erlebt.

Israel und die Vereinigten Staaten erreichten nicht den vollständigen Zusammenbruch des Regimes. Aber sie bewiesen, dass selbst dessen innerster Kreis gefunden und getroffen werden konnte. Araghchis Bericht liefert dafür die stärkste Bestätigung aus Teheran selbst.

Der iranische Außenminister wollte offenbar zeigen, dass die Staatsführung den Angriff überstand. Tatsächlich dokumentiert er, wie nah sie ihrem eigenen Ende war.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 23. Juli 2026

Unterstütze unser Projekt


Newsletter