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Teherans Regime ist nicht unberechenbar, sondern strategisch unfähig


Die Mullahs hielten Trumps Verhandlungsbereitschaft für Schwäche und griffen erneut Handelsschiffe an. Damit lieferten sie Washington selbst den Anlass, Irans verbliebene Militärmacht weiter zu zerstören.

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Das iranische Regime hält sich für einen Meister strategischer Täuschung. Es droht, verhandelt, bricht Zusagen, lässt seine Terrorpartner angreifen und kehrt anschließend mit neuen Forderungen an den Verhandlungstisch zurück. Jahrzehntelang funktionierte dieses Vorgehen, weil westliche Regierungen jede neue Gesprächsrunde bereits für einen Erfolg hielten.

In Teheran wurde daraus der gefährliche Glaube, der Westen sei grundsätzlich zu schwach, um auf iranische Provokationen konsequent zu reagieren. Diese Selbstüberschätzung hat das Regime nun erneut teuer bezahlt.

Nach dem Rahmenabkommen mit den Vereinigten Staaten gingen die Machthaber offenbar davon aus, Donald Trump werde vor den amerikanischen Zwischenwahlen im November keinen größeren Militärschlag mehr wagen. Der Präsident wolle niedrige Ölpreise, ruhige Finanzmärkte und keine Bilder eines neuen Krieges. Also glaubten die Revolutionsgarden, sie könnten die Straße von Hormus wieder als Waffe einsetzen, Handelsschiffe angreifen und Washington zu weiteren Zugeständnissen zwingen.

Das war keine raffinierte Strategie. Es war politische Dummheit, geboren aus Größenwahn und einer völligen Fehleinschätzung des Gegners.

Trump kann Zurückhaltung zeigen, wenn sie ihm nützt. Er kann aber ebenso schnell militärische Stärke einsetzen, wenn der Eindruck entsteht, die Vereinigten Staaten ließen sich öffentlich demütigen. Genau dazu haben die Revolutionsgarden ihn provoziert. Sie griffen Schiffe in einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt an und versuchten, die freie Durchfahrt von ihrem Willen abhängig zu machen.

Die amerikanische Antwort folgte. US-Streitkräfte griffen erneut iranische Raketenstellungen, Drohnenanlagen, Munitionslager, Kommunikationssysteme, Küstenüberwachung und Marinefähigkeiten an. In einer einzigen Angriffsrunde wurden nach Angaben des US-Zentralkommandos rund 140 Ziele getroffen.

Das Regime wollte seine Macht in der Straße von Hormus demonstrieren. Erreicht hat es neue amerikanische Bombardierungen, weitere Verluste seiner Streitkräfte und die offene Drohung, dass künftig auch Kraftwerke, Brücken und andere wichtige Teile der Infrastruktur zerstört werden könnten.

Man muss eine besondere Form strategischer Unfähigkeit besitzen, um dem Gegner selbst die Begründung für genau jene Angriffe zu liefern, die man angeblich verhindern will.

Die Revolutionsgarden verwechselten Zurückhaltung mit Angst

Das Rahmenabkommen war für Teheran keine Verpflichtung zu einem friedlicheren Verhalten. Es war eine Gelegenheit, Zeit zu gewinnen, die Märkte zu beruhigen und die militärische Erholung vorzubereiten. Das entspricht dem Muster, das die Islamische Republik seit Jahrzehnten anwendet.

Während des Atomabkommens von 2015 wurde das Raketenprogramm nicht beendet. Die Unterstützung von Hamas, Hisbollah, Houthi-Miliz und irakischen Milizen ging weiter. Teheran nutzte wirtschaftliche Entlastung nicht, um das Leben der eigenen Bevölkerung grundlegend zu verbessern, sondern um seine Machtstrukturen und regionalen Terrornetzwerke zu erhalten.

Auch das neue Rahmenabkommen änderte an diesem Denken nichts. Die Führung wollte amerikanische Zurückhaltung, ohne selbst Zurückhaltung zu üben. Sie erwartete Schutz vor Angriffen, ohne die internationale Schifffahrt in Ruhe zu lassen. Sie verlangte wirtschaftliche Erleichterungen, während sie gleichzeitig ihre Raketenfähigkeiten und Terrorpartner erhalten wollte.

Das ist keine Verhandlungspolitik. Es ist der Versuch, sämtliche Vorteile eines Friedens zu erhalten und dennoch den Krieg fortzusetzen.

Die Revolutionsgarden glaubten offenbar, Trump werde die iranischen Angriffe hinnehmen, weil er vor den Wahlen innenpolitisch gebunden sei. Damit bewiesen sie, dass ihre viel beschworene Kenntnis des amerikanischen Gegners nicht besonders weit reicht.

Ein amerikanischer Präsident kann militärische Zurückhaltung im Wahlkampf als verantwortungsbewusste Politik verkaufen. Die Duldung iranischer Angriffe auf Handelsschiffe würde dagegen wie Schwäche aussehen. Trump hätte erklären müssen, warum die stärkste Militärmacht der Welt zulässt, dass ein wirtschaftlich angeschlagenes Regime die Straße von Hormus kontrolliert und internationale Reedereien einschüchtert.

Teheran stellte ihn damit vor eine Entscheidung, bei der eine militärische Reaktion innenpolitisch leichter zu vertreten war als weiteres Schweigen.

Der Angriff auf die Schifffahrt war deshalb nicht nur militärisch riskant. Er war politisch töricht. Die iranische Führung schuf selbst jene Lage, in der Trump ausgerechnet vor den Zwischenwahlen Stärke zeigen musste.

Nun versucht das Regime erneut, Härte zu demonstrieren. Es droht amerikanischen Stützpunkten, Golfstaaten und Handelsschiffen. Doch jede weitere iranische Antwort vergrößert die Zielauswahl für die nächste amerikanische Angriffswelle. Die Revolutionsgarden stehen damit vor dem Ergebnis ihrer eigenen Politik: Greifen sie nicht an, verlieren sie ihr Gesicht. Greifen sie an, verlieren sie weitere militärische Fähigkeiten.

Das ist keine strategische Meisterleistung. Es ist eine Sackgasse, in die sich das Regime selbst manövriert hat.

Teherans angeblicher Sieg besteht aus Trümmern

Auch im deutschen Diskurs wird die Lage häufig bemerkenswert oberflächlich bewertet. Weil das Regime nicht gestürzt wurde und weiterhin drohen kann, erklären manche Beobachter Iran zum Sieger. Die Straße von Hormus sei zur neuen iranischen Wunderwaffe geworden, Trump sei vorgeführt worden und der Krieg habe nichts erreicht.

Diese Behauptung hält nur, wenn man militärische Realität vollständig ausblendet.

Das iranische Atomprogramm wurde schwer getroffen. Unterirdische Anlagen und technische Einrichtungen wurden bombardiert. Netzwerke von Fachleuten, die an der Entwicklung militärischer Nuklearfähigkeiten beteiligt waren, wurden zerschlagen. Der genaue Zeitbedarf für einen Wiederaufbau lässt sich öffentlich nicht zuverlässig bestimmen. Sicher ist jedoch, dass Iran nicht dort weitermachen kann, wo es vor den Angriffen aufgehört hatte.

Das Raketenprogramm wurde ebenfalls erheblich beschädigt. Produktionsstätten, Lager, Abschussanlagen und unterirdische Einrichtungen wurden zerstört. Iran besitzt weiterhin Raketen und Drohnen. Aber jeder Einsatz verbraucht Waffen, deren Ersatz schwieriger und langsamer geworden ist.

Hinzu kommen zerstörte Luftverteidigung, beschädigte Marinefähigkeiten und wiederholte Angriffe auf Küstenstellungen. Selbst auf der für den iranischen Ölexport entscheidenden Insel Kharg wurden militärische Anlagen getroffen. Die Vereinigten Staaten verschonten bislang weitgehend die dortige Energieinfrastruktur. Das ist keine iranische Stärke. Es bedeutet, dass Trump noch über ein Druckmittel verfügt, dessen Einsatz für das Regime wirtschaftlich verheerend wäre.

Der angebliche iranische Sieg besteht damit aus beschädigten Atomanlagen, zerstörten Raketenfabriken, getöteten Militärführern, geschwächten Terrorpartnern, einer desolaten Wirtschaft und der Aussicht auf weitere amerikanische Angriffe.

Nur in einer politischen Debatte, in der Israel grundsätzlich verlieren und das iranische Regime grundsätzlich überleben muss, lässt sich daraus ein Sieg Teherans konstruieren.

Israel erreichte nicht den vollständigen Sturz der Islamischen Republik. Das war ein weitergehendes Ziel, dessen Scheitern aufgearbeitet werden muss. Doch Israel hat existenzielle Gefahren verringert. Das Atomprogramm wurde zurückgeworfen, die Raketenproduktion geschwächt und die militärische Führung des Regimes getroffen.

Für die israelische Bevölkerung ist es nicht bedeutungslos, ob Iran heute oder erst in mehreren Jahren wieder über eine größere Zahl einsatzfähiger Raketen verfügt. Es ist auch nicht bedeutungslos, ob Teheran kurz vor einer Atombombe steht oder zunächst zerstörte Anlagen, verlorene Technik und ausgeschaltete Fachkräfte ersetzen muss.

Zeit ist in einer existenziellen Bedrohungslage kein nebensächlicher Gewinn. Zeit bedeutet Schutz, Vorbereitung und neue Möglichkeiten, das Regime weiter unter Druck zu setzen.

Die iranische Führung verschärft unterdessen ihre eigene innere Krise. Die Wirtschaft ist ruiniert, die Bevölkerung leidet und große Teile der staatlichen Mittel fließen weiterhin in Repression, Raketen und Terrororganisationen. Die Revolutionsgarden fordern Opfer von einem Volk, dem sie selbst keine Zukunft anbieten.

Gleichzeitig treten die Machtkämpfe innerhalb des Regimes offener hervor. Verhandlungsbefürworter werden von Hardlinern angegriffen, während die Revolutionsgarden auf einer Politik beharren, die dem Land immer neue Zerstörung bringt. Außenminister Abbas Araghtschi soll bei der Beisetzung Ali Khameneis sogar körperlich bedrängt worden sein.

Ein Regime, das seinen eigenen Außenminister angreift, während es gleichzeitig mit den Vereinigten Staaten verhandeln soll, vermittelt kein Bild von Stärke. Es zeigt eine Führung, die nicht mehr weiß, ob sie Zeit kaufen, den Krieg ausweiten oder sich gegenseitig für das Scheitern verantwortlich machen soll.

Dabei liegt die Ursache offen zutage. Die Revolutionsgarden glaubten an ihre eigene Propaganda. Sie hielten Amerikas Gesprächsbereitschaft für Feigheit, Israels begrenzte Ziele für eine Niederlage und ihre Fähigkeit zur Störung des Schiffsverkehrs für strategische Überlegenheit.

Nun werden ihre Stellungen bombardiert, ihre Schiffe überwacht und ihre wirtschaftlichen Lebensadern bedroht.

Das Regime könnte die Straße von Hormus freigeben, überprüfbare Beschränkungen seines Atomprogramms akzeptieren, die Raketenproduktion begrenzen und die Unterstützung seiner Terrorpartner einstellen. Dann könnte es weitere Zerstörung vermeiden. Genau dazu ist es jedoch kaum fähig, weil ein solcher Kurswechsel das Eingeständnis voraussetzen würde, dass seine gesamte Politik gescheitert ist.

Die Feindschaft gegenüber Israel, der Anspruch auf regionale Vorherrschaft und die Herrschaft der Revolutionsgarden sind keine einzelnen politischen Entscheidungen. Sie bilden das Fundament des Systems. Nimmt man sie dem Regime, bleibt von seiner ideologischen Rechtfertigung wenig übrig.

Deshalb wird Teheran wahrscheinlich weiter provozieren, selbst wenn jede Provokation das Land schwächt. Das Regime handelt nicht nach den Interessen der iranischen Bevölkerung. Es handelt nach den Bedürfnissen einer kleinen Machtelite, die lieber das eigene Land zerstören lässt, als ihre Herrschaft aufzugeben.

Genau darin liegt seine größte Schwäche. Die Islamische Republik kann taktisch gefährlich sein, Terrororganisationen bewaffnen, Schiffe angreifen und Raketen abfeuern. Strategisch aber produziert sie seit Jahren vor allem Feinde, Sanktionen, wirtschaftlichen Niedergang und militärische Gegenschläge.

Teheran wollte Trump mit der Straße von Hormus erpressen. Stattdessen hat es ihm den Grund geliefert, den Krieg wieder aufzunehmen. Es wollte vor den amerikanischen Wahlen Schwäche ausnutzen und sorgte dafür, dass der amerikanische Präsident Stärke demonstrieren musste. Es wollte seine regionale Macht beweisen und offenbarte die Verwundbarkeit seiner Küsten, Raketenstellungen und militärischen Infrastruktur.

Das ist kein genialer Schachzug. Das ist die Bilanz eines Regimes, das seine Gegner unterschätzt, die eigene Bevölkerung verachtet und die eigenen Fehler immer wieder mit noch größeren Fehlern beantwortet.

Deutschland sollte dieses Scheitern endlich nüchtern benennen. Die freie Durchfahrt durch die Straße von Hormus ist ein Recht der internationalen Schifffahrt. Wer sie militärisch bedroht, darf nicht mit weiteren Zugeständnissen belohnt werden. Die Bundesregierung sollte sich an europäischen Maßnahmen zur Sicherung der Meerenge beteiligen, statt erneut darauf zu hoffen, das Regime werde nach dem nächsten Vertrag vernünftiger handeln.

Vernunft ist nicht das Problem der Islamischen Republik. Ihr Problem ist ein Herrschaftssystem, das ideologischen Größenwahn mit strategischer Unfähigkeit verbindet. Die iranische Bevölkerung bezahlt dafür seit Jahrzehnten. Nun erhalten auch die Revolutionsgarden die Rechnung.

Autor: Samuel Benning

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 17. Juli 2026

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