Khameneis letzte Show: Teheran holt Influencer für die Trauerkulisse
Das Regime will Stärke zeigen und lädt Hunderte ausländische Blogger nach Teheran ein.Doch gerade diese Inszenierung zeigt, wie sehr die Mullahs um ihr Bild in der Welt und im eigenen Land fürchten.

Die Islamische Republik wollte aus Ali Khameneis Beerdigung ein Machtbild machen. Millionen auf den Straßen, schwarze Fahnen, Parolen, ausländische Gäste, Kameras aus aller Welt. Teheran wollte nicht trauern, Teheran wollte beweisen. Beweisen, dass der Tod des langjährigen Revolutionsführers die Herrschaft der Mullahs nicht erschüttert. Beweisen, dass das Regime trotz Krieg, Sanktionen, Protesten und innerem Zerfall noch immer Menschen mobilisieren kann. Beweisen, dass Iran nicht schwach ist.
Doch ausgerechnet die neue Medienstrategie verrät das Gegenteil. Nach Angaben des Leiters der Islamischen Organisation für Kultur und Beziehungen, Mohammad Mehdi Imanipour, wurden rund 400 ausländische Blogger und Influencer nach Iran gebracht, um die Beerdigung Khameneis zu begleiten und ein angeblich „wahres“ Bild des Landes in die Welt zu senden. Unter den westlichen Gesichtern, die nach Berichten in Teheran auftauchten, waren auch bekannte antiwestliche und israelfeindliche Stimmen. Die Botschaft war klar: Wenn die großen Medien dem Regime nicht mehr trauen, sollen nun Influencer liefern, was die staatliche Propaganda braucht.
Das klingt modern, ist aber ein altes Muster. Diktaturen laden keine freien Beobachter ein, wenn sie etwas zu verbergen haben. Sie laden ausgewählte Gäste ein, wenn sie ein Bild herstellen wollen. Iran hat während der Proteste im Januar keine westlichen Influencer ins Land geholt, damit sie die Wut der Bevölkerung zeigen. Damals schnitt das Regime den Zugang zum Internet ab, schlug Demonstrationen nieder und versuchte, Bilder aus dem Land zu verhindern. Jetzt, bei einer Zeremonie, die von Sicherheitsapparat, Staatsmedien und Revolutionsgarden kontrolliert werden konnte, öffnete Teheran die Türen. Nicht aus Offenheit, sondern aus Berechnung.
Der iranisch-israelische Iran-Experte Beni Sabti vom Institute for National Security Studies sieht darin ein Zeichen der Schwäche. Seine Einordnung trifft den Kern. Ein Regime, das wirklich auf die eigene Zustimmung vertraut, braucht keine importierte Bestätigung. Es muss keine Reisegruppen für digitale Erzählungen organisieren. Es muss keine ausgewählten Kameras an Orte führen, an denen die Masse größer wirken soll, als sie in Wahrheit trägt. Es muss nicht um Bilder kämpfen, wenn die Wirklichkeit stark genug ist.
Die Islamische Republik kämpft aber genau um diese Bilder. Sie weiß, dass die Beerdigung Khameneis nicht nur ein religiöses oder staatliches Ereignis war. Sie war ein Test. Nach seinem Tod, nach dem Krieg mit Israel und den USA, nach der wirtschaftlichen Erschöpfung und nach monatelangen Protesten musste Teheran eine Botschaft senden: Wir stehen noch. Genau deshalb wurden Trauerzüge, Delegationen, ausländische Gäste und mediale Begleitung so wichtig. Die Straße wurde zur Bühne, die Beerdigung zur Machtdemonstration, der tote Revolutionsführer zum letzten Plakat einer Herrschaft, die ihre Risse übermalen will.
Reuters berichtete zwar von großen Menschenmengen bei den Trauerfeiern, ordnete aber zugleich ein, dass daraus nicht einfach Zustimmung zum Regime abgeleitet werden kann. Viele Iraner kamen aus religiöser Pflicht, aus sozialem Druck, aus Neugier auf ein historisches Ereignis oder weil der Staat Mobilisierung, Transport und Versorgung erleichterte. Die Islamische Republik kennt solche Bilder. Schon nach dem Tod von Qassem Soleimani im Jahr 2020 wurden gewaltige Trauerzüge als Beweis nationaler Einheit verkauft. Wenig später brachen erneut Proteste aus. Massen auf der Straße können Trauer zeigen. Sie können aber auch zeigen, wie gut ein autoritärer Staat Menschen in Bewegung setzt.
Besonders bezeichnend sind Berichte von Iran International über Druck auf Unternehmen, Behörden und lokale Strukturen. Demnach sollen Geschäfte geschlossen, Mitarbeiter zur Teilnahme bewegt und Restaurants oder Betriebe zur Bereitstellung von Versorgung herangezogen worden sein. Solche Berichte lassen sich aus dem Ausland nicht in jedem Einzelfall unabhängig prüfen. Aber sie passen zu einem System, das nicht zwischen Staat, Partei, Religion, Wirtschaft und Sicherheitsapparat trennt. Wenn die Macht eine Kulisse braucht, müssen viele mitbauen.
Die Einbindung westlicher Influencer ist dabei kein harmloses Beiwerk. Sie ist ein bewusster Angriff auf die Wahrnehmung im Westen. Teheran weiß, dass klassische Staatspropaganda in Europa und den USA nur noch begrenzt wirkt. Ein Video eines westlichen Bloggers, der durch Teheran läuft, Tränen zeigt, Gastfreundschaft lobt und von „echter Stimmung“ spricht, kann in sozialen Netzwerken mehr erreichen als eine Pressemitteilung der Revolutionsgarden. Genau deshalb setzt das Regime auf Menschen, die nicht wie Sprecher des Staates aussehen, aber dessen gewünschte Botschaft transportieren.
Für Israel ist diese Propagandaschlacht nicht nebensächlich. Die Islamische Republik führt seit Jahrzehnten Krieg gegen Israel, direkt durch Drohungen und indirekt über Terrororganisationen wie Hisbollah, Hamas, Islamischer Dschihad und die Huthis. Teherans Außenbild ist Teil dieser Auseinandersetzung. Wer das Regime als missverstandene, religiöse, stolze und eigentlich friedliche Ordnung zeigt, verschleiert die Machtstruktur dahinter: Revolutionsgarden, Geheimdienste, Unterdrückung im Inneren, Terrorfinanzierung nach außen, Raketenprogramme, Drohungen gegen Israel und brutale Gewalt gegen die eigene Bevölkerung.
Gerade deshalb ist der Auftritt der Influencer so gefährlich. Er macht aus einem Unterdrückungsstaat eine Kulisse für Reisebilder. Er verwandelt staatlich gelenkte Trauer in angebliche Authentizität. Er zeigt ausgewählte Straßen, ausgewählte Gesichter, ausgewählte Sätze. Was fehlt, sind die Frauen, die wegen ihres Widerstands verfolgt wurden. Es fehlen die Familien der getöteten Demonstranten. Es fehlen die politischen Gefangenen. Es fehlen die Menschen, die während Protesten keinen Zugang zum Internet hatten. Es fehlen die Iraner, die nicht trauern, sondern hoffen, dass dieses Regime endlich endet.
Teheran nennt das ein „authentisches Bild“. In Wahrheit ist es der Versuch, Kontrolle als Echtheit zu verkaufen. Das Regime will nicht, dass die Welt Iran sieht. Es will, dass die Welt die Fassung sieht, die dem Regime nützt. Und dafür sind westliche Influencer besonders wertvoll, weil sie dem Publikum vorgaukeln, nicht Teil der Staatsmacht zu sein. Sie erscheinen als private Beobachter, während ihre Reise und ihr Zugang von genau jener Macht ermöglicht werden, die sie in ein günstiges Licht rücken.
Der Tod Khameneis hätte ein Moment ehrlicher Bestandsaufnahme sein können. Was hat seine Herrschaft Iran gebracht? Einen aufgeblähten Sicherheitsstaat, verarmte Bürger, verfolgte Frauen, zerstörtes Vertrauen, internationale Isolation, Kriege über Stellvertreter, Hass gegen Israel und ein Land, dessen junge Generation vielfach nichts mehr mit der Ideologie der alten Männer anfangen kann. Stattdessen organisiert die Islamische Republik eine Trauerinszenierung und nennt sie Einheit.
Das ist der wahre Hintergrund dieser Influencer-Reise. Sie zeigt nicht die Stärke Teherans, sondern seine Angst. Ein Regime, das sich sicher fühlt, lässt freie Bilder zu. Ein Regime, das Angst hat, lädt die passenden Kameras ein.
Khameneis Beerdigung sollte der Welt zeigen, dass die Islamische Republik lebt. Doch wenn eine Diktatur Hunderte ausländische Blogger braucht, um ihre Trauer überzeugend aussehen zu lassen, dann ist die Botschaft eine andere: Die Mullahs wissen, dass ihre Macht nicht mehr aus Vertrauen besteht, sondern aus Kontrolle. Und Kontrolle braucht immer Kulissen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 7. Juli 2026