Khameneis Sarg zieht durch Teheran und das Regime ruft nach Rache
Iran beginnt die Trauerfeiern für Ali Khamenei mit Massenaufmärschen und Hassparolen gegen Amerika. Das Begräbnis wird zur Kraftprobe eines Regimes, das nach außen Vergeltung fordert und nach innen Geschlossenheit erzwingen will.

In Teheran hat am Samstag die große Trauerwoche für Ali Khamenei begonnen. Doch wer die Bilder aus der Imam Khomeini Grand Mosalla sieht, erkennt schnell: Das ist kein stiller Abschied. Das iranische Regime macht aus dem Tod seines langjährigen Führers einen politischen Aufmarsch. Särge, Fahnen, Koranlesungen, Klagegesänge, staatliche Fernsehbilder, organisierte Menschenmengen und dazwischen immer wieder die alten Parolen der Islamischen Republik. „Tod Amerika“ hallte nach Angaben iranischer Staatsmedien durch die Mosalla. Auf weiteren staatlichen Kanälen waren Rufe nach „Rache“ zu hören.
Khamenei war mehr als drei Jahrzehnte das Gesicht der Islamischen Republik. Unter ihm wurde der Iran zu jenem Machtzentrum, das Israel nicht nur rhetorisch bedrohte, sondern die Bedrohung über Milizen, Raketen, Drohnen, Geld, Ausbildung und Terrornetzwerke in die Region trug. Sein Tod im Februar, nach Angaben von Reuters in der ersten Angriffswelle des Iran-Krieges 2026 durch amerikanische und israelische Luftschläge, war ein Schock für das Regime. Die Beisetzung wurde damals wegen Krieg und Sicherheitslage verschoben. Jetzt versucht Teheran, diesen Schock umzudrehen: aus Verlust soll Stärke werden, aus Trauer Gefolgschaft, aus einem Sarg ein politisches Zeichen.
Der Sarg Khameneis war mit der iranischen Flagge bedeckt. Darauf lag sein schwarzer Turban. Neben ihm standen vier weitere Särge von Familienangehörigen, die ebenfalls bei dem Angriff getötet worden sein sollen. Alles war sichtbar auf Wirkung gebaut. Die Särge wurden auf einer schwarzen Plattform präsentiert, die an die Kaaba in Mekka erinnern sollte. Das ist keine zufällige Kulisse. Das Regime will Khamenei nicht einfach als verstorbenen Staatsführer zeigen, sondern als Märtyrerfigur. Ein Mann, dessen Tod nicht zum Nachdenken führen soll, sondern zur nächsten Verpflichtung.
Die Behörden planen Trauerzüge über mehrere Tage. Nach dem Auftakt in Teheran soll der Sarg nach Qom gebracht werden, später in die schiitischen Pilgerstädte Nadschaf und Kerbela im Irak, bevor Khamenei in Maschhad beigesetzt werden soll. Transport, Verpflegung und Unterkünfte werden organisiert, um große Menschenmengen auf die Straßen zu bringen. Es geht um Bilder. Um volle Plätze. Um eine Botschaft an die eigene Bevölkerung und an die Welt: Die Islamische Republik steht noch. Sie will nicht gebrochen wirken, nicht verwundet, nicht unsicher.
Gerade deshalb sind die Rufe nach Rache so wichtig. Sie zeigen, wie das Regime diesen Tod lesen lassen will. Nicht als Ende einer Ära, sondern als Fortsetzung des Kampfes. Nicht als Moment, in dem ein Land auf seine eigenen Opfer, seine wirtschaftliche Not, seine zerschlagenen Proteste und die Kosten seiner Außenpolitik blickt. Sondern als neuer Treueschwur gegen die Feinde, die Teheran seit Jahrzehnten benennt: Amerika, Israel, der Westen.
Für Israel ist diese Sprache nicht abstrakt. Aus Teheran kamen über Jahre Waffen und Geld für Hamas, Hisbollah, Islamischen Dschihad, Huthi und andere Kräfte, die den jüdischen Staat angreifen oder bedrohen. Unter Khamenei wurde eine ganze Front aufgebaut, die Israel einkreisen sollte. Raketen aus dem Libanon, Terror aus Gaza, Drohnen aus Jemen, Milizen in Syrien und im Irak: Das war keine lose Sammlung regionaler Konflikte. Es war eine Strategie. Wenn nun bei Khameneis Trauerfeiern nach Vergeltung gerufen wird, dann ist das keine bloße Wut einer Menge. Es passt zur Sprache und zur Politik eines Staates, der Gewalt nach außen seit Jahrzehnten als Mittel seiner Macht begreift.
Dabei liegt hinter den Bildern der Massen ein anderes Iran. Ein Land, in dem viele Menschen nicht frei sagen können, was sie denken. Ein Land, in dem Proteste niedergeschlagen, Frauen verfolgt, Kritiker eingesperrt und Familien durch Armut und Repression zermürbt werden. Die Islamische Republik braucht den Eindruck der Einheit, weil sie weiß, wie brüchig diese Einheit ist. Wer Menschen zu Trauerzügen bringt, wer Plätze füllt, wer Fernsehbilder lenkt, zeigt nicht nur Stärke. Er zeigt auch Angst vor Leere.
Auffällig bleibt zudem die Rolle von Mojtaba Khamenei. Der Sohn des getöteten Revolutionsführers hat die Nachfolge übernommen, wurde nach Reuters Angaben bei demselben Angriff verwundet und ist seitdem auf keinem neuen Bild öffentlich zu sehen gewesen. In einem System, das von Symbolen lebt, ist das ein schweres Zeichen. Der neue Oberste Führer bleibt unsichtbar, während der tote Vater durch das Land getragen wird. Das Regime setzt auf den Mythos des Verstorbenen, weil der Nachfolger offenbar noch nicht aus eigener Kraft tragen kann, was ihm übertragen wurde.
Auch die internationalen Gäste gehören zu diesem Bild. Wenn Vertreter aus Russland, China, Pakistan und dem Irak erscheinen, soll das zeigen: Iran ist nicht allein. Besonders der Besuch Dmitri Medwedews passt in diese Botschaft. Teheran will trotz Krieg, Sanktionen und innerer Erschütterung nicht wie ein isolierter Staat aussehen, sondern wie der Mittelpunkt eines Lagers, das Amerika und Israel herausfordert.
Doch die entscheidende Wahrheit bleibt: Khameneis Begräbnis ist kein Friedenszeichen. Es ist der Versuch, einen toten Führer noch einmal politisch nutzbar zu machen. Die Trauer wird nicht freigegeben, sie wird gelenkt. Die Klage wird nicht still, sie wird laut. Und aus dem Schmerz der Anhänger formt das Regime die nächste Drohung.
Wer im Westen diese Bilder nur als religiöse Zeremonie betrachtet, verpasst den Kern. Der Iran-Krieg 2026 ist damit nicht aus der Welt. Die Feuerpause bleibt empfindlich, die Straße von Hormus bleibt ein Druckmittel, die Revolutionsgarden bleiben ein Machtapparat, und die Stellvertreter des Regimes sind nicht verschwunden. Khamenei ist tot. Aber das System, das er über Jahrzehnte mit aufgebaut und geschützt hat, steht weiter da. Es trägt Schwarz, ruft nach Rache und versucht der Welt zu zeigen, dass es noch nicht fertig ist.
Für Israel bedeutet das: Wachsamkeit ist keine Härte um der Härte willen. Sie ist staatliche Pflicht. Kein Land kann tatenlos bleiben, wenn ein Regime seine Vernichtungsrhetorik über Jahre mit Waffenlieferungen, Terrorfinanzierung und regionaler Kriegführung verbindet. Wer von Israel Zurückhaltung fordert, muss erklären, welchen Preis er vom eigenen Staat verlangen würde, wenn eine solche Bedrohung vor der eigenen Grenze stünde.
Am Ende bleibt von diesem ersten Trauertag vor allem ein Bild: ein Sarg in Teheran, darüber Fahne und Turban, ringsum Menschenmengen, aus Lautsprechern religiöse Gesänge und aus der Menge der Ruf nach Vergeltung. Das Regime will daraus Stärke machen. Doch gerade diese Härte zeigt, wie wenig es bereit ist, aus Khameneis Tod einen anderen Weg abzuleiten. Es trauert nicht in Richtung Frieden. Es trauert in Richtung des nächsten Konflikts.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 4. Juli 2026