Liebe Leserinnen und Leser,
haOlam.de wird privat betrieben – ohne Verlag, ohne Unterstützung durch Institutionen. Damit wir unsere Arbeit auch 2026 fortführen können, möchten wir bis Jahresende mindestens 6.000 Euro erreichen, ideal wären 10.000 Euro. Jeder Beitrag hilft – auch kleine Beträge machen einen Unterschied.

Iran entdeckt plötzlich die Fürsorge für seine Stellvertreter


Teheran feuert Raketen auf Israel und nennt es Schutz für die Hisbollah. Tatsächlich versucht ein geschwächtes Regime, seine verlorene Macht zurückzukaufen: mit Drohungen, Raketen und viel Theater.

haOlam-News.de - Nachrichten aus Israel, Deutschland und der Welt.

Iran verkauft seine jüngsten Raketenangriffe auf Israel als Antwort auf israelische Schläge gegen Hisbollah-Ziele in Beirut. Das klingt nach strategischer Entschlossenheit. In Wahrheit wirkt es eher wie ein Regime, das merkt, dass ihm die sorgfältig gebaute Machtkulisse in der Region unter den Füßen wegbricht. Teheran versucht nicht nur, Israel zu treffen. Teheran versucht, sich selbst wieder wichtig zu machen.

Denn Iran hat in den vergangenen Jahren empfindliche Rückschläge erlitten. Der Sturz der Assad-Herrschaft in Syrien im Dezember 2024 riss ein zentrales Stück aus der iranischen Landbrücke Richtung Mittelmeer. Syrien war für Teheran nicht einfach ein Verbündeter, sondern Durchgangsraum, Waffenroute, Milizenstützpunkt und politisches Hinterland. Dazu kamen israelische und amerikanische Angriffe auf Iran, die das Regime militärisch trafen und seinen Nimbus beschädigten. Hamas wurde nach dem 7. Oktober schwer geschwächt, die Hisbollah verlor Kommandeure, Infrastruktur und das alte Gefühl, im Libanon unangreifbar zu sein. Man könnte sagen: Die sogenannte Achse des Widerstands quietscht inzwischen ziemlich laut.

Nach dem 7. Oktober wollte Iran die regionale Initiative übernehmen. Hamas in Gaza, Hisbollah im Libanon, Huthi im Jemen, Milizen im Irak und Syrien: Israel sollte an allen Seiten gebunden, ermüdet und politisch isoliert werden. Doch dieser Plan lief nicht wie gewünscht. Israel hielt dem Mehrfrontendruck stand, griff die Hisbollah ab September 2024 massiv an, tötete führende Köpfe von Hamas und Hisbollah und zeigte, dass auch Teheran selbst kein sicherer Raum mehr ist. Dass Ismail Haniyeh ausgerechnet in Iran getötet wurde, war für das Regime mehr als peinlich. Für einen Staat, der sich gern als Schutzherr des ganzen antiisraelischen Lagers inszeniert, war das ein schwerer Prestigeverlust.

Dann kam der Juni 2025. Israels Überraschungsschläge gegen Iran im Zwölf-Tage-Krieg, später mit amerikanischer Beteiligung, machten Teheran klar, dass Israel nicht allein steht. Iran musste sehen, dass sich in der Region etwas verschoben hat. Staaten am Golf, amerikanische Strukturen über CENTCOM, neue Sicherheitskontakte, wachsende Interessen gegen iranische Destabilisierung: Das alte Spiel, bei dem Iran seine Milizen losschickt und selbst sicher im Hintergrund bleibt, funktioniert nicht mehr so bequem wie früher.

Der nächste Einschnitt kam 2026. Mit den gemeinsamen amerikanischen und israelischen Schlägen gegen Iran, den erneuten Angriffen auf militärische Infrastruktur, Luftabwehr, Raketenfähigkeiten und nuklear relevante Standorte wurde dem Regime ein weiteres Mal vorgeführt, dass die alte Distanz nicht mehr existiert. Iran konnte sich nicht mehr darauf verlassen, hinter Hamas, Hisbollah, Huthi und Milizen im Irak zu stehen und selbst weitgehend unangetastet zu bleiben. Der Krieg von 2026 traf nicht nur Anlagen und Systeme, sondern auch das Selbstbild Teherans: Die Stellvertreter sollten Israel binden, abschrecken und erschöpfen. Stattdessen musste Iran erleben, dass Israel und die USA direkt gegen das Zentrum der iranischen Macht vorgehen können.

Genau deshalb feuert Teheran jetzt nicht nur Raketen. Es sendet eine Botschaft an die eigenen Leute, an die Hisbollah, an die Huthi und an Washington: Wir sind noch da. Wir können noch drohen. Wir können noch stören. Wir können immer noch mehrere Fronten anzünden. Das ist der Kern dieser Angriffe. Es geht nicht um Beirut allein. Es geht um die Rückgewinnung verlorener Abschreckung.

Besonders durchsichtig ist der Versuch, Libanon direkt mit Iran zu verknüpfen. Teheran will eine neue Regel einführen: Wenn Israel Hisbollah-Ziele in Beirut oder im Südlibanon angreift, antwortet Iran direkt. Das ist bemerkenswert. Früher sollten die Stellvertreter Iran schützen. Die Hisbollah sollte Israel abschrecken, falls Jerusalem oder Washington iranische Atomanlagen angreifen. Jetzt muss Iran plötzlich die Hisbollah schützen. Die Schutzmacht muss ihren Schutzbefohlenen retten. Für ein Regime, das sich gern als strategisches Genie verkauft, ist das fast schon unfreiwillig komisch.

Diese Umkehrung ist wichtig. Sie zeigt, wie sehr die Hisbollah unter Druck steht. Wenn Teheran direkt Raketen auf Israel feuert, um eine Terrororganisation im Libanon politisch abzuschirmen, dann ist das kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen von Sorge. Die Hisbollah ist Irans wichtigster bewaffneter Vorposten an Israels Nordgrenze. Wenn sie an Macht verliert, verliert Iran ein zentrales Werkzeug seiner regionalen Erpressungspolitik. Genau das soll verhindert werden.

Darum ist die Formulierung, Iran reagiere auf israelische Angriffe in Beirut, zu harmlos. Iran reagiert nicht nur. Iran versucht, die Spielregeln neu zu schreiben. Die Hisbollah soll weiter als Staat im Staat bestehen, weiter den Libanon in Geiselhaft halten, weiter Nordisrael bedrohen, aber Israel soll ihre Kommandozentralen, Waffenlager und Drohnenstrukturen nicht mehr angreifen. Teheran nennt das vermutlich Stabilität. Man könnte es auch Schutzgeldpolitik mit Raketen nennen.

Auch die Huthi passen in dieses Bild. Wenn aus dem Jemen Raketen Richtung Israel abgefeuert und Seewege bedroht werden, geht es nicht um jemenitische Interessen. Es geht um iranische Reichweite. Iran will zeigen, dass es von Libanon bis Jemen, vom Golf bis zum Roten Meer Druck erzeugen kann. Die Botschaft an Washington lautet: Wer mit uns verhandelt, sollte besser zahlen, nachgeben oder zumindest sehr vorsichtig werden.

Das Problem: Je mehr Iran Einfluss verliert, desto lauter muss es sich aufführen. Ein wirklich starker Akteur muss nicht ständig beweisen, dass er noch gefährlich ist. Teheran tut genau das. Raketen auf Israel, Drohungen gegen die Region, Schutzversprechen für die Hisbollah, Druck auf die USA: Das ist keine souveräne Strategie, sondern der Versuch, aus Schwäche wieder Größe zu machen.

Für Israel ist die Antwort daher klar. Wenn Iran Beirut mit Teheran verknüpfen will, muss Jerusalem diese Verbindung zurückweisen. Israel kann nicht akzeptieren, dass seine Handlungsfreiheit im Libanon durch iranische Raketen erpresst wird. Wer die Hisbollah angreift, greift nicht den Libanon an, sondern eine Terrororganisation, die den Libanon längst selbst beschädigt hat. Wer daraufhin aus Iran Raketen auf Israel feuert, entlarvt nur, wem diese Organisation tatsächlich dient.

Das gilt auch für die westliche Debatte. Wer jetzt wieder nur von „Eskalation“ spricht, macht es sich bequem. Es geht nicht um zwei Seiten, die irgendwie gleich viel zur Lage beitragen. Es geht um ein iranisches Regime, das seine Stellvertreter benutzt, seine Rückschläge überspielt und Israel eine neue Abschreckungsregel aufzwingen will. Die Raketen sollen nicht nur Schaden anrichten. Sie sollen Bedeutung herstellen.

Ob Iran damit Erfolg hat, ist offen. Militärisch hat das Regime viel eingebüßt. Politisch steht es unter Druck. Seine Verbündeten sind geschwächt. Aber genau deshalb bleibt es gefährlich. Ein Regime, das Macht verliert, kann besonders riskant handeln, wenn es glaubt, nur durch neue Drohungen wieder ernst genommen zu werden.

Teheran will zurück auf die große Bühne. Nur wirkt der Auftritt inzwischen weniger wie Stärke und mehr wie ein sehr lauter Versuch, den eigenen Bedeutungsverlust zu übertönen.

Autor: Samuel Benning

Artikel veröffentlicht am: Montag, 8. Juni 2026

Unterstütze unser Projekt


Newsletter