Trump und Khamenei halten Iran-Deal in der Schwebe
Ein 60-Tage-Abkommen zwischen den USA und Iran liegt offenbar auf dem Tisch. Doch ohne Zustimmung von Donald Trump und Mojtaba Khamenei bleibt es ein riskanter Entwurf.

Zwischen den Vereinigten Staaten und Iran liegt offenbar ein Entwurf für ein neues 60-Tage-Abkommen vor, das die fragile Waffenruhe verlängern und Verhandlungen über das iranische Atomprogramm eröffnen soll. Doch noch ist nichts entschieden. Nach Berichten aus Washington und Jerusalem hängt die Vereinbarung an zwei Männern: US-Präsident Donald Trump und Irans neuem obersten Machtzentrum um Mojtaba Khamenei. Erst wenn beide Seiten politisch zustimmen, kann aus dem Papier ein Abkommen werden.
Genau diese Unsicherheit macht die Lage so gefährlich. Diplomaten und Unterhändler mögen sich auf Formulierungen geeinigt haben. Außenminister Abbas Araghchi, Parlamentssprecher Mohammad-Bagher Ghalibaf und das Team des US-Sondergesandten Steve Witkoff sollen sich in wesentlichen Punkten angenähert haben. Doch in Teheran entscheidet am Ende nicht nur die Verhandlungsdelegation. Dort liegt die Macht bei der obersten Führung, den Revolutionsgarden und jenen Kreisen, die jede Konzession an Washington als Schwäche lesen könnten. Solange Mojtaba Khamenei den Entwurf nicht freigibt, bleibt das Abkommen politisch unfertig.
Auch Trump hat nach den vorliegenden Berichten noch nicht zugestimmt. Das passt zu seiner politischen Lage. Der US-Präsident steht vor einer Entscheidung, die gleichzeitig als diplomatischer Erfolg und als gefährliches Zugeständnis gelesen werden kann. Ein 60-Tage-Memorandum könnte den Krieg einfrieren, die Straße von Hormus öffnen und Zeit für Atomverhandlungen schaffen. Es könnte aber auch Iran eine Atempause verschaffen, ohne die entscheidenden Bedrohungen dauerhaft zu beseitigen. Genau das ist die Sorge in Israel.
Der Entwurf soll mehrere zentrale Punkte enthalten. Iran soll sich verpflichten, keine Atomwaffe zu entwickeln. Während der 60 Tage soll über das hoch angereicherte Uran gesprochen werden, insbesondere über dessen Entfernung aus Iran. Außerdem soll die Durchfahrt durch die Straße von Hormus uneingeschränkt möglich sein. Keine Gebühren, keine Schikanen, keine Behinderung der Schifffahrt. Iran müsste nach Angaben aus den Berichten innerhalb von 30 Tagen Minen aus der Meerenge entfernen. Im Gegenzug würde die amerikanische Blockade aufgehoben, sobald der kommerzielle Schiffsverkehr wieder hergestellt ist.
Auf dem Papier klingt das nach einer Entspannung. In der Wirklichkeit ist es ein Test auf Vertrauen gegenüber einem Regime, das Vertrauen systematisch zerstört hat. Iran hat über Jahre internationale Kontrollen herausgefordert, sein Atomprogramm ausgebaut, Terrororganisationen unterstützt und die Region über Stellvertreter unter Druck gesetzt. Eine Zusage, keine Atomwaffe anzustreben, ist nur dann etwas wert, wenn sie überprüfbar, durchsetzbar und mit echten Konsequenzen verbunden ist. Eine politische Erklärung allein wird Israel nicht beruhigen.
Für Jerusalem steht mehr auf dem Spiel als ein diplomatischer Kalender. Israel hat im Krieg gegen Iran und dessen Netzwerk hohe Risiken getragen, weil das iranische Atomprogramm und die regionale Machtarchitektur Teherans als existenzielle Bedrohung verstanden werden. Wenn nun ein Abkommen entsteht, das sich vor allem auf eine kurzfristige Waffenruhe und technische Gespräche konzentriert, aber Raketenprogramme, Drohnen, Revolutionsgarden und Stellvertreter ausspart, bleibt die strategische Gefahr bestehen.
Das ist der wunde Punkt jeder Vereinbarung mit Iran. Teheran verhandelt selten nur über das, was auf dem Papier steht. Es verhandelt auch über Zeit, Druck, Symbolik und internationale Müdigkeit. Ein 60-Tage-Zeitraum kann ein Einstieg in ernsthafte Begrenzung sein. Er kann aber auch ein Aufschub sein, in dem Iran seine innenpolitische Lage sortiert, wirtschaftlichen Druck mildert und die eigenen Positionen neu ordnet. Israel kann sich nicht leisten, diese Möglichkeit zu übersehen.
Die Straße von Hormus zeigt besonders deutlich, worum es geht. Sie ist eine der wichtigsten Seerouten der Welt. Wenn Iran dort Minen legt, Gebühren erzwingen will oder Schiffe unter Druck setzt, betrifft das nicht nur regionale Sicherheit, sondern den globalen Energiehandel. Dass die Öffnung der Meerenge Teil des Entwurfs sein soll, zeigt, wie stark Teheran diesen Hebel eingesetzt hat. Die freie Schifffahrt darf aber nicht zum Preis werden, den Iran nach eigener Drohung wieder verkauft. Sie ist ein Grundprinzip internationaler Ordnung.
Auch wirtschaftlich steht Teheran unter Druck. Die amerikanische Blockade hat den Ölsektor hart getroffen, die Einnahmen sinken, Lager füllen sich, die Bevölkerung leidet unter Inflation, Jobverlusten und steigenden Preisen. Genau diese Schwäche kann Iran an den Verhandlungstisch gedrängt haben. Doch Schwäche bedeutet nicht automatisch Mäßigung. Ein Regime, das innenpolitisch unter Druck steht, kann nach außen Konzessionen machen. Es kann aber ebenso versuchen, durch neue Drohungen Stärke zu zeigen.
Deshalb wird die Entscheidung Trumps so genau beobachtet. Für Washington wäre ein Abkommen ein sichtbarer diplomatischer Erfolg. Trump könnte zeigen, dass er Krieg, Energiekrise und Atomfrage in einen Verhandlungsrahmen zwingt. Doch ein schlechter Deal wäre gefährlicher als kein schneller Deal. Wenn Iran Zeit gewinnt, ohne seine nuklearen Bestände wirksam aufzugeben, ohne sein Raketenprogramm anzutasten und ohne seine Stellvertreter zu zügeln, dann würde das Problem nicht gelöst, sondern verschoben.
Für Israel ist diese Unterscheidung entscheidend. Ein Abkommen, das Irans Uranbestände tatsächlich entfernt, die Straße von Hormus dauerhaft freihält und harte Kontrollen ermöglicht, wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Abkommen, das nur für 60 Tage Ruhe verspricht und die großen Fragen vertagt, könnte dagegen eine neue Illusion schaffen. Israel hat schlechte Erfahrungen mit Vereinbarungen gemacht, die Teheran Luft verschaffen, aber die Bedrohung nicht beenden.
Mojtaba Khameneis ausstehende Zustimmung zeigt zugleich, wie kompliziert die Machtverhältnisse in Teheran sind. Nach dem Tod Ali Khameneis ist Iran nicht plötzlich berechenbarer geworden. Die Islamische Republik bleibt ein System aus religiöser Autorität, Revolutionsgarden, Sicherheitsapparat und politischen Fraktionen. Ein Entwurf, dem Unterhändler zustimmen, kann an der Führung scheitern. Oder er kann von der Führung angenommen werden, um später in der Umsetzung ausgehöhlt zu werden. Genau diese Erfahrung prägt das Misstrauen.
Dass iranische Medien die Darstellung bereits teilweise zurückweisen oder relativieren, passt in dieses Bild. Teheran will offenbar nicht so erscheinen, als müsse es auf amerikanischen Druck hin unterschreiben. Das Regime braucht innenpolitisch die Erzählung von Stärke. Selbst wenn es wirtschaftlich unter Druck steht, darf es vor den eigenen Anhängern nicht als nachgiebig wirken. Deshalb wird jedes Wort, jede Reihenfolge und jede öffentliche Darstellung Teil des Machtspiels.
Die nächsten Tage könnten daher entscheidend sein. Trump muss entscheiden, ob der Entwurf den amerikanischen Interessen dient. Khamenei muss entscheiden, ob Iran die geforderten Bedingungen akzeptiert oder den Konflikt weiter riskiert. Israel wird prüfen, ob die Vereinbarung echte Sicherheit bringt oder nur eine Pause vor der nächsten Runde. Die Golfstaaten werden auf die Straße von Hormus schauen. Europa wird auf Ölpreise, Schifffahrt und Atomrisiko blicken.
Ein Abkommen ist noch kein Frieden. Eine Waffenruhe ist noch keine Entwaffnung. Eine Zusage ist noch keine Kontrolle. Genau deshalb darf die Hoffnung auf Entspannung nicht blind machen für die Methode des iranischen Regimes. Teheran hat immer wieder gezeigt, dass es Krisen nutzt, um Zugeständnisse zu erzwingen. Wenn der Westen jetzt unterschreibt, muss er sicherstellen, dass Iran nicht nur verspricht, sondern tatsächlich liefert.
Für Israel bleibt die Lage angespannt. Ein Papier in Washington schützt nicht vor Raketen, Drohnen, Uranbeständen oder Stellvertreterterror. Entscheidend ist nicht, ob ein Memorandum gut klingt. Entscheidend ist, ob es Irans Fähigkeit begrenzt, die Region erneut an den Rand eines Krieges zu bringen. Genau daran wird Trump gemessen werden. Und genau daran wird sich zeigen, ob Khamenei wirklich bereit ist, den Preis für Entspannung zu zahlen oder nur Zeit kaufen will.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 29. Mai 2026