Rabbiner in Mailand angegriffen: Richterin sieht religiösen Hass als Motiv
Ein Rabbiner wird an einer Bushaltestelle verspottet, sein religiöser Kopfschmuck wird ihm abgenommen, anschließend erhält er einen Tritt. Drei junge Männer stehen unter Verdacht. Eine Mailänder Richterin wertet das Geschehen nach bisherigem Ermittlungsstand als von religiösem und rassistischem Hass geprägt.

Ein Angriff auf einen Rabbiner in Mailand beschäftigt inzwischen die italienische Justiz. Der Geistliche Tzemach Mizrachi wartete am Mittwoch im Stadtteil Bande Nere auf einen Bus, als drei junge Männer auf ihn aufmerksam wurden. Nach seiner Anzeige nahmen sie ihm seinen religiösen Kopfschmuck ab, setzten ihn zum Spott selbst auf und machten sich über ihn lustig. Als Mizrachi die Männer fotografierte, soll einer von ihnen ihn gegen die Beine beziehungsweise in Richtung Leistengegend getreten haben.
Die drei Verdächtigen wurden kurz darauf anhand der Aufnahmen identifiziert. Nach aktuellen Angaben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA handelt es sich um drei in Italien geborene Männer im Alter von 19, 20 und 22 Jahren mit nordafrikanischem Familienhintergrund. Der 20-Jährige stammt aus einer tunesischen Familie, die beiden anderen haben tunesische beziehungsweise marokkanische Wurzeln.
Wichtig ist die rechtliche Lage: Die Männer sind nicht verurteilt. Gegen sie wird ermittelt.
Der 20-Jährige wurde zunächst festgenommen. Eine Mailänder Richterin bestätigte die Festnahme und ordnete anschließend eine Meldeauflage zweimal pro Woche an. Die beiden anderen Männer werden auf freiem Fuß beschuldigt. Der Prozess gegen den 20-Jährigen soll nach ANSA am 12. November beginnen.
Nicht nur ein Streit an der Bushaltestelle
Besonders relevant ist die bisherige Bewertung der Justiz. Richterin Sofia Fioretta bezeichnete das Verhalten laut ANSA als aggressiv und gewalttätig und sah nach dem bisherigen Ermittlungsstand Hinweise darauf, dass Mizrachi wegen seiner jüdischen Religion zum Ziel wurde. Die Staatsanwaltschaft bezieht dabei nicht nur den Tritt ein, sondern auch das Abnehmen und Verhöhnen seines religiösen Kopfschmucks.
Damit geht die juristische Bewertung inzwischen weiter als die ersten Medienberichte, die den antisemitischen Hintergrund zunächst vor allem aus der Schilderung des Rabbiners und der jüdischen Gemeinde ableiteten.
Gleichzeitig müssen auch Unterschiede zwischen den ersten Berichten und der später bekannt gewordenen Anzeige berücksichtigt werden.
Unmittelbar nach dem Vorfall war von Schlägen, Tritten und Spucken berichtet worden. Nach den später veröffentlichten Angaben aus dem Gerichtsverfahren enthält Mizrachis formelle Anzeige dagegen keinen Vorwurf von Faustschlägen oder Spucken. Dokumentiert sind demnach das Verspotten, das Abnehmen seines Kopfschmucks und ein Tritt.
Genau deshalb sollte man bei diesem Fall nicht dramatisieren. Das, was nach dem derzeit bekannten Ermittlungsstand übrig bleibt, ist bereits ernst genug.
Der beschuldigte 20-Jährige bestreitet zudem ein antisemitisches beziehungsweise rassistisches Motiv. Er erklärte vor Gericht sinngemäß, ihm seien der Nahostkonflikt und Palästina gleichgültig; den Tritt habe er ausgeführt, weil er sich darüber geärgert habe, fotografiert zu werden. Einer der beiden anderen Beschuldigten erklärte ebenfalls, sie seien keine Rassisten. Über die Glaubwürdigkeit dieser Einlassungen wird das Gericht zu entscheiden haben.
Mizrachi selbst schildert den Vorfall anders. Gegenüber der „Jüdischen Allgemeinen“ sagte er, die Männer hätten zunächst provoziert und ihm anschließend den Hut weggenommen. Er habe sich geweigert, sich einschüchtern zu lassen: „Niemand wird mich hier erniedrigen.“
Der Rabbiner lebt seit Jahrzehnten in Mailand und arbeitet dort für Chabad. Nach dem Angriff erklärte er, sein öffentlich sichtbares jüdisches Leben nicht aufgeben zu wollen.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verurteilte den Vorfall als „feige und inakzeptabel“ und erklärte ihre Solidarität mit dem Rabbiner und der jüdischen Gemeinde Mailands. Antisemitischer Hass dürfe in keiner Form toleriert werden.
Der Fall trifft Mailand in einer ohnehin angespannten Situation. Erst im Juli war dort ein Wandbild von Anne Frank und Primo Levi erneut antisemitisch beschmiert worden. haOlam berichtete damals über die Umdeutung jüdischer Opfer der Nationalsozialisten zu angeblichen „zionistischen Nazi-Siedlern“. Ein Zusammenhang zwischen diesem Vandalismus und dem Angriff auf Mizrachi besteht nicht; beide Fälle zeigen jedoch, mit welchen unterschiedlichen Formen antisemitischer Feindseligkeit die jüdische Gemeinde derzeit konfrontiert ist.
Für den aktuellen Fall sollte deshalb zunächst das gelten, was die Ermittlungen tatsächlich hergeben.
Drei Männer werden beschuldigt, einen sichtbar jüdischen Rabbiner verspottet und angegriffen zu haben. Eine Richterin sieht darin nach bisherigem Stand religiös und rassistisch motiviertes Handeln. Die Beschuldigten bestreiten ein entsprechendes Motiv.
Der Vorfall lässt sich nach dem bisherigen Ermittlungsstand nicht als gewöhnliche Auseinandersetzung abtun. Ein sichtbar jüdischer Rabbiner wurde gezielt verspottet, seines religiösen Kopfschmucks beraubt und körperlich angegriffen. Eine Mailänder Richterin sieht Hinweise auf ein religiös und rassistisch motiviertes Vorgehen. Die drei Beschuldigten bestreiten ein entsprechendes Motiv; eine rechtskräftige Verurteilung liegt bislang nicht vor.
Für Tzemach Mizrachi ändert diese juristische Einordnung wenig an dem, was auf der Straße geschah. Nach Jahrzehnten in Mailand wurde er nach eigener Aussage erstmals auch körperlich angegriffen, nachdem er zuvor bereits wiederholt angepöbelt worden sei.
Seine Reaktion darauf ist ebenso eindeutig wie der Vorfall selbst: Er werde sein jüdisches Leben weiterhin offen führen. „Niemand wird uns schwächen“, sagte Mizrachi.
Gerade darin liegt die eigentliche Nachricht: Ein Rabbiner wird in einer europäischen Großstadt wegen seiner sichtbaren jüdischen Identität zum Ziel eines Angriffs – und weigert sich anschließend, sich aus dem öffentlichen Raum verdrängen zu lassen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 20. September 2026