Netanjahus Spott war nicht der Anfang: London hat sich längst von Israel entfernt
„Islamische Republik Großbritannien“ war eine unnötige Provokation. Doch wer daraus den Grund für die Krise zwischen London und Jerusalem macht, verwechselt Ursache und Wirkung. Die britische Israel-Politik hatte sich längst grundlegend verändert.

Benjamin Netanjahu hat Großbritannien mit seiner Wortwahl einen Gefallen getan. Wer das Land als „Islamische Republik Großbritannien“ verspottet, kann sich ziemlich sicher sein, dass anschließend über diesen Satz gesprochen wird und weniger darüber, was zwischen beiden Regierungen eigentlich passiert ist.
Klug war die Bemerkung nicht.
In einem israelischen Radiointerview erinnerte Netanjahu zunächst an die traditionell israelfreundliche Haltung der Churchill-Familie und erklärte dann, so etwas finde man heute kaum noch in dem Land, das man „Islamische Republik Großbritannien“ nennen könne. Anschließend griff er die schon früher verwendete Pointe auf, Großbritannien könne die erste islamische Republik mit Atomwaffen sein.
London reagierte erwartbar scharf. Ein Regierungssprecher bezeichnete die Äußerungen als „völlig inakzeptabel“ und erklärte, das Thema sei gegenüber Israel angesprochen worden.
Damit könnte man die Geschichte beenden: Netanjahu provoziert, Großbritannien ist empört.
Nur erklärt das nicht, warum der israelische Ministerpräsident überhaupt so über einen Staat spricht, der jahrzehntelang zu Israels wichtigsten europäischen Partnern gehörte.
Die Beziehungen waren lange vor diesem Interview schwer beschädigt.
Im September 2024 setzte die britische Regierung zunächst 29 Rüstungsexportlizenzen für Israel aus. London begründete den Schritt mit dem Risiko möglicher Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht im Gazakrieg. Weitere Genehmigungen wurden später ebenfalls ausgesetzt oder verändert. Gleichzeitig betonte Großbritannien zwar weiterhin Israels Recht auf Selbstverteidigung, griff aber erstmals konkret in einen Bereich ein, der für Jerusalem unmittelbar die nationale Sicherheit betrifft.
Im Juni 2025 folgte der nächste ungewöhnliche Schritt: Großbritannien verhängte gemeinsam mit mehreren anderen Staaten persönliche Sanktionen gegen die israelischen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich.
Drei Monate später erkannte London offiziell einen palästinensischen Staat an.
Die damalige britische Regierung erklärte, damit die Zweistaatenlösung retten zu wollen. Aus israelischer Sicht geschah jedoch etwas anderes: Ein palästinensischer Staat erhielt diplomatische Anerkennung, ohne dass zuvor ein Friedensvertrag mit Israel geschlossen worden war und ohne dass die zentralen Streitfragen zwischen beiden Seiten gelöst worden waren.
Diese Entscheidungen kann man politisch befürworten oder ablehnen. Aber man kann nicht so tun, als hätten sie am Verhältnis zu Jerusalem nichts verändert.
Unter dem seit Juli amtierenden Premierminister Andy Burnham wird der Druck fortgesetzt.
Am 19. August bezeichnete Außenminister Ed Miliband die israelische Ausschreibung für rund 1.200 Wohnungen im Gebiet E1 als „inakzeptabel und zerstörerisch“. Der israelische Geschäftsträger wurde ins Außenministerium einbestellt. Miliband verlangte nicht nur die Rücknahme der Ausschreibung und einen Stopp des Projekts. Er kündigte für die kommenden Wochen ein umfassenderes Maßnahmenpaket gegen israelische Regierungspolitik sowie weitere gezielte Sanktionen gegen Personen an, die an der Ausweitung israelischer Ortschaften beteiligt sind.
Damit ist der Konflikt längst institutionell geworden.
Es geht nicht mehr um einzelne unfreundliche Äußerungen aus London oder Jerusalem. Großbritannien versucht inzwischen mit diplomatischem Druck, Exportbeschränkungen und Sanktionen Einfluss auf konkrete israelische Entscheidungen zu nehmen.
Eine Beziehung, die noch existiert, aber politisch immer kälter wird
Dabei wäre es falsch, Großbritannien einfach zum Feind Israels zu erklären.
Die wirtschaftlichen Beziehungen sind weiterhin erheblich. Nach aktuellen britischen Regierungsdaten erreichte der bilaterale Handel mit Waren und Dienstleistungen 2025 rund sechs Milliarden Pfund. London erklärt weiterhin offiziell, Israels Sicherheit zu unterstützen. Auch in anderen Bereichen bestehen enge Verbindungen.
Gerade dieser Widerspruch macht die Entwicklung interessant.
Auf dem Papier bleiben beide Länder wichtige Partner. Politisch wächst die Distanz dagegen seit Jahren.
Und während London Israel immer härter behandelt, hat sich auch die gesellschaftliche Atmosphäre in Großbritannien verändert.
Der Community Security Trust registrierte 2025 3.700 antisemitische Vorfälle, den zweithöchsten Jahreswert seit Beginn seiner Aufzeichnungen. Vor dem 7. Oktober 2023 lagen die Zahlen erheblich niedriger: 2022 waren 1.662 Fälle registriert worden.
Besonders auffällig ist die Verbindung mit Israel. Bei 1.977 der antisemitischen Vorfälle des Jahres 2025, also 53 Prozent, spielten Israel, Gaza, der Hamas-Angriff oder der folgende Krieg eine Rolle. In allen diesen Fällen kam nach Angaben des CST zusätzlich antisemitische Sprache, Motivation oder eine gezielte Ansprache von Juden hinzu.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Kritik an Israel antisemitisch wäre. Der CST zählt ausdrücklich auch antiisraelische Aktivitäten, die seine Antisemitismus-Kriterien nicht erfüllen, nicht in diese Statistik hinein.
Aber die Zahlen zeigen, wie stark die Auseinandersetzung um Israel inzwischen auch das Leben britischer Juden erreicht.
Vor diesem Hintergrund wirkt Netanjahus Bemerkung weniger wie der Beginn eines diplomatischen Bruchs als wie ein Symptom einer längst vergifteten Beziehung.
Seine Formulierung über eine „Islamische Republik Großbritannien“ bleibt unnötig und pauschal. Sie wirft Muslime, britische Politik und die tatsächliche Auseinandersetzung um Islamismus in einen Topf und erleichtert es London, sich über den Ton zu empören.
Nur verschwindet dadurch die Vorgeschichte nicht.
Großbritannien hat Waffenexporte eingeschränkt, israelische Minister sanktioniert, einen palästinensischen Staat anerkannt und droht inzwischen mit weiteren Sanktionen wegen israelischer Baupolitik in Judäa und Samaria.
Das sind keine rhetorischen Missverständnisse.
Das ist Politik.
Und deshalb sollte die eigentliche Frage nicht lauten, ob Netanjahu mit einem einzigen provozierenden Satz die Beziehungen zu Großbritannien beschädigt hat.
Die interessantere Frage lautet, wie viel von der früheren politischen Nähe überhaupt noch vorhanden war, bevor er diesen Satz sagte.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 22. August 2026