Der Boykott Israels erreicht Italiens Flughäfen
Keine Flüge nach Tel Aviv, keine normalen Beziehungen, keine israelischen Soldaten im Urlaub: In fünf italienischen Flughäfen demonstrierten Aktivisten gegen Verbindungen zu Israel. Offiziell richtet sich der Protest gegen die Regierung. Getroffen werden am Ende jedoch ganz normale israelische Reisende.

Der Flughafen ist eigentlich einer der banalsten Orte internationaler Normalität. Menschen kommen an, fahren in den Urlaub, besuchen Familie oder fliegen nach Hause. Genau diese Normalität mit Israel wollen propalästinensische Gruppen in Italien inzwischen politisch angreifen.
Am Donnerstag fanden gleichzeitig Aktionen an fünf großen italienischen Flughäfen statt: Verona, Cagliari, Mailand-Linate, Rom-Fiumicino und Venedig. Koordiniert wurden sie über das Netzwerk „Giovedì Bianco“, den „Weißen Donnerstag“.
Die Forderungen waren deutlich. Die Aktivisten wollen direkte Flugverbindungen mit Israel aussetzen und wenden sich gegen wirtschaftliche, militärische und diplomatische Beziehungen zwischen Italien und dem jüdischen Staat. Besonders scharf richtet sich die Kampagne gegen israelische Soldaten, die nach Kampfeinsätzen Urlaub in Italien machen sollen.
In Cagliari erklärten die Organisatoren, die Forderungen seien „klar und nicht verhandelbar“: keine direkten Flugverbindungen mehr, keine wirtschaftlichen Beziehungen, die Israel zugutekommen, und keine Aufnahme israelischer Militärangehöriger zur Erholung. Ein Aktivist sprach von Soldaten, die nach Italien kämen, um sich von ihren „Verbrechen“ auszuruhen. Die Behauptung, auf einzelnen Flügen befänden sich tatsächlich IDF-Soldaten in solchen Erholungsprogrammen, ist allerdings bislang nicht für jeden betroffenen Flug bestätigt.
Die Organisatoren betonen gleichzeitig, ihre Aktionen richteten sich nicht gegen einzelne Reisende. Es seien keine Blockaden geplant, der sogenannte „Muro di Coscienza“, eine Menschenkette von rund 30 Metern, solle durchlässig bleiben. Auch in Verona erklärten die Aktivisten nach ihrer Aktion, es habe keine Auseinandersetzung mit ankommenden Passagieren gegeben. Rund 40 Demonstranten standen dort ausgerechnet zum Zeitpunkt der Ankunft eines Fluges aus Tel Aviv mit palästinensischen Fahnen am Flughafen.
Genau dieser Widerspruch ist der Kern des Problems.
Man erklärt, nicht gegen Israelis als Personen zu demonstrieren, organisiert die Proteste aber dort, wo Israelis ankommen und abreisen. Man erklärt, Reisende seien nicht das Ziel, fordert aber gleichzeitig, die Flugverbindungen ihres Landes abzuschneiden. Man behauptet, es gehe ausschließlich um die italienische Regierung, während der Protest bewusst an den sichtbarsten Verbindungen zwischen Italien und Israel stattfindet.
Das ist mehr als eine Demonstration gegen Benjamin Netanjahu.
Aus Israel soll wieder ein Sonderfall werden
Flugverbindungen sind keine Waffenlieferungen. Ein Tourist aus Tel Aviv ist keine Regierungserklärung. Ein israelisches Kind, das mit seinen Eltern in Italien landet, trägt keine Verantwortung für Entscheidungen des israelischen Sicherheitskabinetts.
Trotzdem wird genau diese zivile Normalität zunehmend Teil der Boykottstrategie.
Fiamma Nirenstein beschreibt bei JNS, wie entsprechende Proteste bereits zuvor am Flughafen Cagliari stattfanden. Reisende aus Tel Aviv seien mit „Free Palestine“-Rufen und weiteren Parolen empfangen worden. Die aktuelle Kampagne sieht sie deshalb als Teil eines größeren Versuchs, Israel Schritt für Schritt aus normalen internationalen Beziehungen herauszudrängen: aus Kultur, Sport, Wissenschaft und nun auch aus dem Reiseverkehr.
Man muss nicht jede Demonstration gegen Israel automatisch Antisemitismus nennen. Wer gegen eine Regierung protestiert oder den Abbruch politischer Beziehungen fordert, bewegt sich zunächst im Bereich politischer Auseinandersetzung.
Aber auch hier gibt es eine Grenze.
Wenn nicht mehr eine konkrete Regierungsentscheidung, sondern die bloße Verbindung mit Israel zum Problem wird, verändert sich etwas. Wenn Fluglinien nach Tel Aviv als „Routen der Komplizenschaft“ bezeichnet werden, wenn Tourismus als unerwünschte „Normalisierung“ gilt und israelische Reisende schon durch ihre Herkunft zum politischen Symbol gemacht werden, entsteht eine Form kollektiver Ausgrenzung.
Genau diese Sprache benutzen die Organisatoren selbst. In ihrem Aufruf werden die bestehenden Flugverbindungen mit Israel als Teil italienischer „Komplizenschaft“ dargestellt. Der Protest richte sich gegen die Aufrechterhaltung dieser Routen und zugleich an alle Reisenden, die aufgefordert werden, sich zu positionieren.
Damit verschiebt sich die alte Boykottidee weiter.
Es reicht offenbar nicht mehr, israelische Waren nicht zu kaufen. Israelische Künstler sollen ausgeladen werden, israelische Sportler werden zum Gegenstand politischer Kampagnen, Universitäten sollen Kooperationen beenden und nun sollen möglichst auch direkte Flugverbindungen verschwinden.
Das Ziel ist immer ähnlich: Israel soll nicht wie ein normales Land behandelt werden.
Die Organisatoren würden dieser Beschreibung widersprechen. Sie sehen ihr Handeln als Protest gegen den Krieg in Gaza und gegen die Politik der italienischen Regierung. Das muss man erwähnen.
Doch auch politische Protestformen müssen sich daran messen lassen, wen sie tatsächlich treffen.
Wird eine Flugverbindung gestrichen, trifft das nicht Netanjahu.
Es trifft Familien, Geschäftsreisende, Studenten, Touristen und Menschen, die Verwandte besuchen wollen.
Das ist der Unterschied zwischen Kritik an einer Regierung und der zunehmenden gesellschaftlichen Isolierung eines ganzen Landes.
Italienische Aktivisten dürfen gegen Israels Regierung demonstrieren. Sie dürfen Plakate hochhalten, palästinensische Fahnen zeigen und von ihrer Regierung einen anderen außenpolitischen Kurs verlangen.
Aber wenn irgendwann schon die Landung eines Flugzeugs aus Tel Aviv als unerträgliche „Normalisierung“ gilt, sollte man sich fragen, was hier eigentlich normal geworden ist.
Nicht die Flugverbindung ist das Problem.
Dass Israelis zunehmend erklären müssen, warum sie überhaupt noch selbstverständlich dazugehören dürfen, ist es.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 21. August 2026