Leipzig entgeht der Katastrophe, Rom wirft Rafael aus dem Drohnenschutz
Eine Sprengstoffdrohne blieb in Leipzig stundenlang unentdeckt. Gleichzeitig muss Fiumicino das israelische Rafael System durch einen italienischen Anbieter ersetzen. Europas Bürokratie verliert dabei die eigentliche Gefahr aus den Augen.

Während Deutschland untersucht, wie eine mit militärischem Sprengstoff präparierte Drohne unbemerkt bis zwischen ukrainische Frachtflugzeuge gelangen konnte, fällt Italien eine bemerkenswerte Entscheidung. Der Staatsrat in Rom hat angeordnet, das israelische Konsortium um Rafael Advanced Defense Systems aus dem Projekt für die Drohnenabwehr am Flughafen Fiumicino zu entfernen. Den Auftrag soll nun das italienische Unternehmen Elettronica übernehmen, das unter dem Namen ELT Group auftritt.
Auf dem Papier handelt es sich um einen Streit über Vergaberecht, Einfuhrgenehmigungen und die Einstufung eines Radars. In der Wirklichkeit geht es um den Schutz eines der wichtigsten Flughäfen Europas vor einer Bedrohung, die längst keine theoretische Möglichkeit mehr ist. Leipzig hat gerade gezeigt, was geschehen kann, wenn ein feindliches Fluggerät bestehende Sensoren umgeht und erst von einem Menschen entdeckt wird.
Der italienische Staatsrat gab Aeroporti di Roma nach den veröffentlichten Berichten 60 Tage Zeit, einen Vertrag mit ELT abzuschließen. Damit werden Rafael und das ebenfalls israelische Unternehmen Altintech aus dem Projekt verdrängt. Die Richter hoben ein Urteil des Verwaltungsgerichts Latium aus dem Mai 2024 auf, das die Vergabe an das israelische Konsortium noch bestätigt hatte. Die Akten des Verfahrens sollen außerdem der Staatsanwaltschaft in Rom übermittelt werden. Diese muss prüfen, ob sich aus dem Ablauf der Ausschreibung Gründe für strafrechtliche Ermittlungen ergeben.
Diese Weitergabe ist kein Beweis für eine Straftat. Sie bedeutet insbesondere nicht, dass Rafael oder Altintech eines strafbaren Verhaltens überführt wurden. Gegen wen sich mögliche Ermittlungen richten könnten und welche Vorgänge das Gericht als prüfungsbedürftig ansieht, ist bislang nicht im Einzelnen öffentlich bekannt. Wer daraus bereits einen Skandal um die israelischen Unternehmen konstruiert, würde mehr behaupten, als die bisher bekannten Angaben tragen.
Doch auch ohne vorschnelle Verdächtigungen ist der Vorgang verstörend. Rafael hatte die Ausschreibung gewonnen. Der Flughafenbetreiber Aeroporti di Roma veröffentlichte das Verfahren im Mai 2022. Gesucht wurden Planung, Lieferung und Wartung eines Systems, das den gesamten Bereich des Flughafens gegen Drohnen schützen sollte. Das von Rafael geführte Konsortium erhielt bei der Bewertung 70 Punkte für die Technik und 30 Punkte für das finanzielle Angebot. ELT erreichte 66,87 technische Punkte und 3,13 Punkte für den Preis. Der Vertrag mit Rafael wurde im Dezember 2022 unterzeichnet.
Mit anderen Worten: Rafael setzte sich nicht durch politische Bevorzugung oder eine fragwürdige Hintertür durch. Das israelische Konsortium gewann das dafür vorgesehene Verfahren nach der Bewertung des Auftraggebers deutlich. Der unterlegene italienische Anbieter zog anschließend vor Gericht.
Zwei Gerichte, zwei gegensätzliche Wahrheiten
Das Verwaltungsgericht Latium wies die Klage von ELT im Mai 2024 zunächst zurück. Die vorgelegten Unterlagen reichten nach damaliger Auffassung nicht aus, um das von Rafael angebotene System als militärisches Material einzustufen, das nicht an einem zivilen Flughafen eingesetzt werden dürfe. Das Gericht stellte zudem fest, dass die Ausschreibung nicht verlangt hatte, sämtliche Genehmigungen bereits bei Einreichung des Angebots vorzulegen. Die Beteiligten sollten diese auch nachträglich beschaffen können.
Der Staatsrat kommt nun zum gegenteiligen Ergebnis. Technische Fachleute des italienischen Verteidigungsministeriums stuften den in Fiumicino installierten Radar als militärische Ausrüstung ein. Dabei verwiesen sie auf seine Eigenschaften, seine Behandlung nach den amerikanischen Regeln für den internationalen Handel mit Rüstungsgütern und seine Registrierung im italienischen Verzeichnis für militärisches Material. Nach Auffassung des Gerichts fehlten die notwendigen Genehmigungen für Einfuhr und Betrieb.
Ein Gericht muss geltendes Recht anwenden. Wenn Genehmigungen fehlen, darf dies nicht einfach ignoriert werden. Der eigentliche Skandal liegt deshalb nicht zwingend im Urteil selbst. Er liegt in einem Verfahren, bei dem erst Jahre nach der Ausschreibung, der technischen Bewertung, dem Zuschlag, der Vertragsunterzeichnung und einem ersten Gerichtsurteil abschließend geklärt wird, ob das angebotene Gerät überhaupt als militärisches Material behandelt werden muss.
Der Flughafen suchte ausdrücklich ein leistungsfähiges System gegen eine Bedrohung, die auch von militärisch veränderten Drohnen ausgehen kann. Rafael bot Technik an, deren Fähigkeiten aus der israelischen Erfahrung mit Terrorangriffen, Drohnen und Raketen hervorgegangen sind. Anschließend wird genau die militärische Herkunft dieser Technik zum rechtlichen Problem. Das ist europäische Sicherheitspolitik in ihrer widersprüchlichsten Form.
Aeroporti di Roma hält weiterhin daran fest, dass es sich um ein System mit ziviler und militärischer Nutzung handelt. Vergleichbare Technik werde auch an anderen europäischen Flughäfen und zum Schutz großer Veranstaltungen eingesetzt. Der Betreiber kündigte an, das Urteil umzusetzen und zugleich dafür zu sorgen, dass Drohnenabwehr und Flughafensicherheit ohne Unterbrechung weiterlaufen.
Diese Zusicherung ist notwendig, reicht aber nicht aus. Italien muss erklären, ob das neue System mindestens dieselben Fähigkeiten besitzt, wie der Wechsel technisch umgesetzt wird und weshalb jahrelang über Genehmigungen gestritten wurde, die vor Vertragsabschluss hätten geklärt werden müssen. Bei der Sicherheit eines Flughafens darf es nicht genügen, dass formal irgendeine Abwehr vorhanden ist. Entscheidend ist, ob sie auch eine absichtlich veränderte Drohne erkennt, die darauf ausgelegt wurde, vorhandene Sensoren zu umgehen.
Leipzig zeigt, was bei einem Versagen droht
Genau hier erhält der Fall Fiumicino durch die Ereignisse in Leipzig eine bedrückende Aktualität. Am Flughafen Leipzig/Halle flog nach den bisherigen Ermittlungen bereits am Dienstag gegen 19.28 Uhr eine Drohne in den Sicherheitsbereich ein und landete auf dem Vorfeld. Die vorhandene Sensorik erkannte das Fluggerät offenbar nicht. Erst mehr als vier Stunden später bemerkten Mitarbeiter die Drohne, als sie in geringer Höhe zwischen zwei Frachtflugzeugen der ukrainischen Fluggesellschaft Antonov Airlines schwebte.
An dem Fluggerät befand sich eine Sprengvorrichtung mit offenbar hochexplosivem Material. Eines der ukrainischen Flugzeuge in unmittelbarer Nähe war nach einem vertraulichen Polizeibericht mit militärischer Munition beladen, die zuvor aus Frankreich nach Leipzig gebracht worden sein soll. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von einer neuen Gefahrenlage und einem möglichen hybriden Anschlagsszenario. Wer die Drohne einsetzte und welches Ziel sie hatte, ist noch nicht geklärt.
Während der anschließenden Sperrung musste eine DHL Frachtmaschine durchstarten. Dabei kollidierte sie mit einem unbekannten Gegenstand. Ein biologischer Abstrich blieb negativ, weshalb ein Vogelschlag nach den bisherigen Erkenntnissen als unwahrscheinlich gilt. Ob das Flugzeug eine zweite Drohne traf und ob beide Vorgänge zusammengehörten, ist noch nicht bewiesen.
Der Leipziger Fall beweist nicht, dass ein System von Rafael die Drohne sicher erkannt oder den Vorfall verhindert hätte. Eine solche Behauptung wäre unseriös. Moderne Angreifer verändern Fluggeräte gezielt, nutzen niedrige Höhen, verringern erkennbare Signaturen und suchen nach Lücken in bestehenden Anlagen.
Leipzig beweist jedoch, wie hoch der Preis einer unzureichenden Erkennung sein kann. Eine mit Sprengstoff präparierte Drohne hielt sich offenbar stundenlang in einem besonders geschützten Bereich auf. Sie gelangte bis zu ukrainischen Transportflugzeugen, von denen eines Munition geladen hatte. Dass es nicht zu einer Explosion kam, war nach allem, was bisher bekannt ist, keine Folge einer erfolgreichen technischen Abwehr.
Vor diesem Hintergrund wirkt der jahrelange Streit in Italien nicht wie eine harmlose Auseinandersetzung zwischen zwei Unternehmen. Er zeigt, wie Europa wertvolle Zeit verliert, während die Bedrohung schneller wächst als Genehmigungsverfahren, Zuständigkeitsfragen und gerichtliche Entscheidungen.
Rafael ist nicht irgendein Anbieter, der sich erstmals mit Drohnenabwehr beschäftigt. Das staatliche israelische Unternehmen gehört zu den wichtigsten Entwicklern moderner Verteidigungssysteme. Israel muss sich nicht in Planspielen vorstellen, wie Angriffe mit Drohnen, Raketen oder anderen unbemannten Fluggeräten aussehen könnten. Das Land erlebt solche Angriffe und entwickelt seine Technik unter einem Druck, den europäische Staaten lange nicht kannten.
Gerade diese Erfahrung wird in Europa häufig gleichzeitig bewundert und misstrauisch behandelt. Staaten wollen israelische Fähigkeiten, stören sich aber daran, dass sie aus militärischer Notwendigkeit entstanden sind. Sie loben Iron Dome, kaufen israelische Systeme und greifen auf israelische Kenntnisse zurück. Sobald jedoch Gerichte, politische Kampagnen oder heimische Wirtschaftsinteressen eingreifen, wird aus der bewährten Technik plötzlich ein Problem.
Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass das Urteil des Staatsrats politisch gegen Israel gerichtet ist. Die veröffentlichte Begründung stützt sich auf Genehmigungsrecht und die militärische Einstufung des Radars. Auch ELT ist kein fachfremdes Unternehmen, sondern ein erfahrener italienischer Anbieter für elektronische Kampfführung. Eine harte Kritik muss diese Tatsachen anerkennen.
Doch das Ergebnis bleibt erklärungsbedürftig. Ein israelisches Konsortium gewinnt die Ausschreibung deutlich. Der Vertrag wird geschlossen. Das System wird nach früheren italienischen Berichten installiert und wartet auf seine vollständige Nutzung. Ein Gericht bestätigt die Vergabe. Zwei Jahre später dreht die höhere Instanz die Entscheidung um, der Auftrag geht an den unterlegenen heimischen Wettbewerber und die Akten landen bei der Staatsanwaltschaft.
So kann man Vertrauen in öffentliche Beschaffung zerstören und zugleich wertvolle Jahre beim Schutz kritischer Infrastruktur verlieren.
Italien darf sich nicht damit begnügen, auf ein Gerichtsurteil und einen neuen Vertrag zu verweisen. Der Staat muss nachweisen, dass Fiumicino zu keinem Zeitpunkt schlechter geschützt ist, dass der Anbieterwechsel keine technischen Lücken schafft und dass das neue System gegen die tatsächlich zu erwartenden Bedrohungen bestehen kann.
Der Flughafen Leipzig/Halle liefert die Warnung, wie eine solche Lücke aussehen kann. Dort gelangte eine Sprengstoffdrohne offenbar unbemerkt bis zwischen militärisch bedeutsame Frachtflugzeuge. Europa hatte Glück. Auf Glück lässt sich kein Schutzkonzept aufbauen.
Wer israelische Sicherheitstechnik aus einem strategischen Projekt entfernt, muss deshalb mehr vorlegen als einen juristisch korrekten Beschluss. Er muss beweisen, dass die neue Lösung mindestens ebenso gut schützt. Gelingt dieser Beweis nicht, wäre die Entscheidung nicht nur bürokratisch widersprüchlich. Sie wäre in einer Zeit realer Drohnenangriffe verantwortungslos.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 6. August 2026