Spanien belehrt Israel und schickt Soldaten in seine Afrika-Enklaven
Nach 50.000 Grenzübertritten und 72 Toten wirft Danny Danon Madrid Doppelmoral vor. Spaniens Antwort ist keine Selbstkritik, sondern eine Andeutung, die Verschwörungen über Israel neue Nahrung gibt.

Spanien verlangt von Israel regelmäßig Zurückhaltung, territoriale Zugeständnisse und die Anerkennung eines palästinensischen Staates. Sobald jedoch die eigene Souveränität infrage steht, spricht Ministerpräsident Pedro Sánchez von einer Verletzung der territorialen Unversehrtheit, beschleunigt Rückführungen und schickt Soldaten an die Grenze. Genau auf diesen Widerspruch hat Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen, Danny Danon, mit ungewöhnlicher Schärfe hingewiesen. Bevor Spanien Israel weiter belehre, solle es der Welt erklären, weshalb es noch immer Enklaven auf afrikanischem Boden unterhalte, schrieb er mit Blick auf Ceuta und Melilla.
Der Zeitpunkt seiner Wortmeldung war für Madrid besonders unangenehm. Mehr als 50.000 Menschen waren innerhalb kurzer Zeit aus Marokko nach Ceuta gelangt, teils über Land, teils schwimmend an den Grenzanlagen vorbei. Nach dem zuletzt veröffentlichten Stand wurden auf spanischer Seite mindestens 72 Tote geborgen; mehr als 1.000 Menschen benötigten medizinische Hilfe. Rund 48.000 Eingereiste kehrten nach Angaben der spanischen Behörden innerhalb von zwei Tagen nach Marokko zurück. Spanien verstärkte Polizei und Militär und errichtete vor der Küste eine 500 Meter lange schwimmende Barriere.
Danon formulierte bewusst provokant. Spanien, das keine Gelegenheit auslasse, Israel zu belehren, müsse nun seine eigenen „kolonialen Enklaven“ erklären. Seine Aussage zum angeblich ausgerufenen Ausnahmezustand war formal allerdings ungenau: Die Regionalregierung Ceutas hatte einen nationalen Notstand verlangt, doch die Regierung in Madrid lehnte dies ab, weil das spanische Recht eine solche Erklärung bei einer Migrationskrise nicht vorsehe. Militärische Einheiten wurden dennoch entsandt. Diese notwendige Korrektur ändert nichts am politischen Kern von Danons Angriff: Spanien fordert für sich selbst uneingeschränkte Souveränität, wirksame Grenzkontrollen und das Recht auf militärische Sicherung, während es Israels Sicherheitsentscheidungen regelmäßig von außen verurteilt.
Zwei Gebiete, über die Madrid nicht verhandeln will
Ceuta und Melilla sind keine vorübergehend besetzten Militärstützpunkte, sondern spanische autonome Städte mit gewählten Institutionen und spanischen Bürgern. Ceuta kam 1415 unter portugiesische Herrschaft und wurde 1668 formell spanisch; Melilla befindet sich seit 1497 unter spanischer Kontrolle. Das heutige Königreich Marokko wurde erst 1956 unabhängig, erkennt die spanische Souveränität über beide Gebiete jedoch nicht an und betrachtet sie als marokkanisches Land. Madrid weist jede Diskussion darüber zurück und verlangt von Rabat die uneingeschränkte Achtung seiner territorialen Integrität.
Der Ausdruck „koloniale Enklaven“ ist deshalb eine politische Wertung, kein anerkannter völkerrechtlicher Status. Ceuta und Melilla stehen nicht auf der Liste der 17 nicht selbstverwalteten Gebiete, die von den Vereinten Nationen weiterhin als Gegenstand der Entkolonialisierung behandelt werden. Die Europäische Union betrachtet beide Städte als Gebiete unter spanischer Souveränität und als Teil ihrer Außengrenze. Das Schengen-Regelwerk gilt grundsätzlich auch dort, allerdings mit besonderen Kontrollen bei Reisen auf das spanische Festland oder in andere Schengen-Staaten.
Diese rechtlichen Unterschiede dürfen nicht verschwiegen werden. Ebenso wenig sollte jedoch übersehen werden, warum Danons Vorwurf in Israel auf Zustimmung trifft. Spanien beruft sich bei Ceuta und Melilla auf jahrhundertelange Zugehörigkeit, die politische Entscheidung der heutigen Einwohner und das Recht, seine Grenzen zu verteidigen. Gegenüber Israel behandelt die Regierung Sánchez historische Bindungen, Sicherheitsbedürfnisse und die Folgen wiederholter Angriffe dagegen häufig wie lästige Hindernisse auf dem Weg zu einseitigen Zugeständnissen.
Madrid erkannte im Mai 2024 einen palästinensischen Staat an, obwohl weder dessen Grenzen noch eine einheitliche Regierung oder eine wirksame Entwaffnung der Terrororganisationen geklärt waren. 2025 verschärfte Spanien seinen Kurs weiter, festigte ein Waffenembargo gegen Israel und bezeichnete den israelischen Krieg gegen Hamas offiziell als Völkermord. Auch 2026 veröffentlichte die spanische Regierung wiederholt Erklärungen, die Israel scharf verurteilten. Dass ausgerechnet diese Regierung empfindlich reagiert, sobald ein israelischer Diplomat ihre eigene Territorialpolitik hinterfragt, ist wenig überraschend. Es macht die Kritik aber nicht gegenstandslos.
Israel muss Ceuta und Melilla nicht zu „besetztem marokkanischem Gebiet“ erklären, um Spaniens Doppelmoral offenzulegen. Es genügt der Hinweis, dass Madrid für sich beansprucht, was es Israel zunehmend verweigern will: das Recht, selbst über seine Grenzen zu entscheiden, äußere Forderungen zurückzuweisen und eine gefährdete Bevölkerung mit Polizei und Militär zu schützen. Die historischen und rechtlichen Verhältnisse sind nicht identisch. Politische Glaubwürdigkeit verlangt dennoch, dass Staaten an sich selbst wenigstens annähernd dieselben Maßstäbe anlegen, die sie anderen mit großer moralischer Gewissheit vorhalten.
Spaniens Minister nährt eine Israel-Verschwörung
Besonders schwer wiegt die Reaktion des spanischen Verkehrsministers Óscar Puente. Er teilte Danons Beitrag und schrieb lediglich, nun werde langsam alles ziemlich klar. Der Satz war absichtlich vieldeutig. Er erschien jedoch inmitten einer Welle von Behauptungen, wonach Israel gemeinsam mit den Vereinigten Staaten oder Marokko den Massenansturm auf Ceuta organisiert habe, um die Regierung Sánchez zu bestrafen. Öffentliche Belege für eine Beteiligung Israels gibt es nicht. Spanische Behörden machten Schleusernetzwerke, Gerüchte in sozialen Netzwerken und eine verzerrte Darstellung eines Gerichtsurteils für die Mobilisierung verantwortlich.
Ein Minister muss wissen, welche Wirkung eine solche Andeutung entfaltet. Puente legte keine Informationen eines Geheimdienstes vor, benannte keinen Geldfluss und nannte keinen israelischen Beteiligten. Stattdessen setzte er einen Satz in die Welt, der das Publikum selbst zu Ende denken sollte. Genau so funktionieren politische Verschwörungserzählungen: Eine zeitliche Abfolge wird zum geheimen Plan erklärt, eine scharfe israelische Stellungnahme nachträglich als Geständnis gedeutet und aus fehlenden Belegen ein Zeichen besonders raffinierter Verschleierung gemacht.
Die israelische Vertreterin in Madrid, Dana Erlich, distanzierte sich daraufhin öffentlich von Danon. Seine Äußerung entspreche nicht der offiziellen Position des Staates Israel, erklärte sie. Diplomatisch war dieser Schritt nachvollziehbar, weil Jerusalem verhindern musste, dass der Streit die Beziehungen zur spanischen Opposition und zu israelfreundlichen Kräften weiter beschädigt. Eine Widerlegung von Danons eigentlicher Kritik war die Distanzierung jedoch nicht. Sie bedeutete lediglich, dass Israels Regierung die Frage der spanischen Souveränität über Ceuta und Melilla nicht offiziell zum Gegenstand des Konflikts machen wollte.
Madrid hätte Danon sachlich antworten können: Ceuta und Melilla seien autonome Städte, ihre Bewohner spanische Staatsbürger, und die Vereinten Nationen führten sie nicht als Kolonien. Stattdessen nutzte ein Mitglied der Regierung die Auseinandersetzung, um einer unbelegten Israel-Erzählung Raum zu geben. Das ist besonders verantwortungslos, weil bereits linke und rechte Extremisten nahezu gleichzeitig behaupteten, der jüdische Staat steuere heimlich muslimische Massenmigration nach Europa.
Spanien verlangt bei Ceuta Respekt vor seiner territorialen Unversehrtheit. Es erwartet Unterstützung der Europäischen Union, Zusammenarbeit mit Marokko und Verständnis für den Einsatz bewaffneter Kräfte. Israel erwartet nichts grundsätzlich anderes, wenn es seine Bürger gegen Hamas, den Islamischen Dschihad, die Hisbollah oder das iranische Regime schützt. Madrid muss Israels Politik nicht in jedem Punkt teilen. Wer jedoch ständig mit moralischen Urteilen über Jerusalem auftritt, darf nicht empört sein, wenn die eigenen Widersprüche öffentlich benannt werden.
Danny Danons Wortwahl war hart, und seine Darstellung des Ausnahmezustands war formal nicht korrekt. Seine Frage bleibt dennoch bestehen: Warum betrachtet Spanien die eigene Souveränität als unantastbar, während es Israel fortwährend belehrt, unter Druck setzt und mit Maßnahmen überzieht? Die Antwort darauf wird nicht glaubwürdiger, indem ein spanischer Minister andeutet, Israel könne hinter einer Katastrophe mit 72 Toten stehen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Montag, 3. August 2026