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Während Europa Israel belehrt, liefert Serbien Munition und baut mit Jerusalem Drohnen


Belgrad half Israel bereits unmittelbar nach dem 7. Oktober und steigerte seine Rüstungsexporte 2025 auf 114 Millionen Euro. Nun folgen Milliardenaufträge, geheime Verteidigungsdaten und eine gemeinsame Drohnenproduktion.

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Als Israel am Morgen nach dem Massaker vom 7. Oktober dringend Munition benötigte, musste Belgrad nicht erst wochenlang über politische Befindlichkeiten beraten. Nach Recherchen von „Haaretz“ und dem Balkan Investigative Reporting Network wandten sich israelische Stellen bereits am 8. Oktober 2023 an die serbische Regierung. Vier Tage später war die erste Ausfuhr genehmigt, wenig später landete die Fracht auf dem israelischen Luftwaffenstützpunkt Nevatim bei Beerscheba. Während andernorts über Israel gesprochen, moralisiert und gezögert wurde, handelte Serbien. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer diplomatischen Bekanntschaft und einem Verbündeten, auf den man sich in der Stunde der Gefahr verlassen kann.

Die Lieferungen blieben kein einmaliger Beistand in den ersten Tagen des Krieges. Vor dem Hamas-Angriff hatte Serbien 2023 lediglich Rüstungsgüter im Wert von rund 540.000 Euro nach Israel ausgeführt. Einschließlich der nach dem 7. Oktober begonnenen Lieferungen stieg der Jahreswert bereits auf mehrere Millionen Euro. 2024 erreichten die serbischen Ausfuhren nach später veröffentlichten Zahlen rund 48 Millionen Euro. 2025 folgte der nächste Sprung: Waffen und Munition im Wert von 114 Millionen Euro gingen nach Israel, etwa 140 Prozent mehr als im Vorjahr und rund 42-mal so viel wie 2023. Beobachter registrierten allein 2025 insgesamt 38 Frachtflüge zwischen Serbien und Israel.

Diese Zahlen erklären, weshalb Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić bereits im Februar 2024 einen „wahren Freund Israels“ nannte und ihm für die Unterstützung „in Wort und Tat“ dankte. In Israel vergisst man nicht, wer nach dem größten Massaker an Juden seit der Schoah lediglich Erklärungen veröffentlichte und wer half, als Soldaten an mehreren Fronten kämpfen mussten. Serbien gehörte zu den Ländern, die ihre Beziehungen nicht vom Lärm antiisraelischer Straßenproteste abhängig machten. Präsident Isaac Herzog, Außenminister Gideon Sa’ar und Knessetpräsident Amir Ohana würdigten diese Haltung zuletzt erneut. Israel werde Serbiens Unterstützung nach dem 7. Oktober nicht vergessen, erklärte Sa’ar bei einer Konferenz in Belgrad.

Aus Munitionslieferungen wird eine strategische Rüstungsachse

Inzwischen geht die Zusammenarbeit weit über serbische Geschosse für Israel hinaus. Serbien nutzt israelische Technik, um seine eigene Armee grundlegend zu modernisieren und sich aus der einseitigen Abhängigkeit von alten sowjetischen Systemen zu lösen. Anfang 2025 bestellte Belgrad beim israelischen Rüstungskonzern Elbit Systems das Mehrfachraketenwerfersystem PULS sowie Aufklärungs- und Kampfdrohnen vom Typ Hermes 900. Das Geschäft hatte einen Wert von rund 335 Millionen Dollar und soll über mehrere Jahre abgewickelt werden. PULS kann unterschiedliche präzisionsgelenkte Raketen aus demselben Werfer verschießen; die Hermes 900 ermöglicht lang anhaltende Aufklärungsflüge und kann je nach Ausführung auch bewaffnet eingesetzt werden.

Nur wenige Monate später folgte ein noch wesentlich größerer Auftrag. Elbit Systems meldete einen Vertrag über rund 1,63 Milliarden Dollar mit einem europäischen Staat, ohne den Kunden zunächst zu nennen. Israelische Medien identifizierten Serbien als Käufer, später wurde diese Zuordnung auch in Berichten über die serbische Militärmodernisierung bestätigt. Das Paket umfasst demnach Langstreckenraketen, Drohnensysteme, elektronische Kampfführung sowie moderne Befehls- und Führungstechnik. Es handelt sich um einen der größten Aufträge in der Geschichte des israelischen Unternehmens.

Doch Belgrad will israelische Waffen nicht nur kaufen. Serbien und Israel bereiten die gemeinsame Produktion von Kampfdrohnen auf serbischem Boden vor. Vučić erklärte im April offen, sein Land könne Drohnen nicht in der Qualität Israels herstellen und wolle deshalb von israelischer Erfahrung lernen. Die künftigen Systeme sollen sowohl für weitreichende Aufklärung als auch für Angriffe gegen gepanzerte Ziele geeignet sein. Der serbische Staatskonzern Yugoimport SDPR soll mit Elbit Systems eine Fabrik errichten. Vučić sprach von einer gleichberechtigten Beteiligung, während BIRN unter Berufung auf Dokumente berichtete, Elbit solle 51 Prozent halten. Noch sind Standort, Produktionsbeginn und Investitionssumme nicht öffentlich bekannt. Der politische Wille ist jedoch eindeutig: Serbien möchte nicht länger nur Käufer, sondern Produktionspartner der israelischen Rüstungsindustrie sein.

Im April 2026 kam ein Abkommen über den Austausch und den gegenseitigen Schutz geheimer Verteidigungsinformationen hinzu. Der zuständige Ausschuss des serbischen Parlaments stimmte sogar einer vorläufigen Anwendung zu, bevor das Abkommen vollständig in Kraft trat. Nach Angaben der serbischen Regierung schafft es die Voraussetzung dafür, dass Behörden und Rüstungsunternehmen beider Länder wesentlich enger zusammenarbeiten können. Die Initiative ging demnach von Israel aus. Es handelt sich also nicht bloß um einige Lieferverträge, sondern um den Aufbau einer Sicherheitsbeziehung, in der technische Daten, vertrauliche Informationen, Entwicklungsvorhaben und Produktionskapazitäten miteinander verbunden werden.

Parallel dazu haben Jerusalem und Belgrad erstmals einen strategischen Dialog begonnen. Verhandelt werden ein Freihandelsabkommen, eine gemeinsame Wirtschaftskommission, eine israelisch-serbische Handelskammer und eine dauerhafte israelische Wirtschaftsvertretung in Belgrad. Der bilaterale Handel hat sich seit der Eröffnung einer serbischen Handelsvertretung in Jerusalem im Jahr 2021 vervielfacht. Damit wächst neben der militärischen auch die wirtschaftliche Grundlage der Partnerschaft.

Serbien erhält durch Israel Zugang zu Technik, die es von Russland und China unabhängiger macht, ohne die traditionellen Beziehungen zu beiden Mächten vollständig aufzugeben. Belgrad kauft weiterhin chinesische Systeme, hat zwölf französische Rafale-Kampfflugzeuge bestellt und hält an seiner militärischen Neutralität fest. Zugleich strebt das Land den Beitritt zur Europäischen Union an, lehnt eine Mitgliedschaft in der NATO aber weiterhin ab. Israel eröffnet Serbien damit einen eigenen Weg: moderne westliche Technologie und engere Beziehungen zu Washington, ohne dass Belgrad seine außenpolitische Bewegungsfreiheit vollständig aufgeben muss.

Für Israel ist diese Unabhängigkeit ebenfalls wertvoll. Der jüdische Staat wird zwar auch künftig in erheblichem Umfang auf amerikanische Waffen angewiesen bleiben. Doch die politischen Auseinandersetzungen in den Vereinigten Staaten und in Europa haben gezeigt, wie gefährlich eine zu starke Abhängigkeit von wenigen Lieferanten sein kann. Serbien bietet Munition, Produktionskapazitäten, gut ausgebildete Ingenieure und einen Zugang zum südosteuropäischen Raum. Das gemeinsame Drohnenwerk könnte Israel zudem helfen, seine Fertigung auszuweiten und neue Märkte in Europa zu erreichen.

Freundschaft, die älter ist als jeder Rüstungsvertrag

Die Nähe zwischen Jerusalem und Belgrad lässt sich dennoch nicht allein mit Geld, Raketen und Drohnen erklären. Serben und Juden verbindet auch die Erinnerung an Verfolgung. Im von den Nationalsozialisten und ihren Verbündeten zerschlagenen Jugoslawien wurden beide Bevölkerungsgruppen vom faschistischen Ustascha-Regime verfolgt. Im Lagerkomplex Jasenovac ermordeten die kroatischen Machthaber nach Schätzungen des amerikanischen Holocaust-Museums Zehntausende Serben, Juden und Roma. Diese gemeinsame Erfahrung wird in beiden Ländern bis heute als Teil einer historischen Verbundenheit verstanden.

Eine weniger bekannte Verbindung führt sogar in die Vorgeschichte des politischen Zionismus. Theodor Herzls väterlicher Großvater Schimon Leib Herzl lebte in Zemun, heute ein Stadtbezirk Belgrads, und gehörte zur Gemeinde des Rabbiners Jehuda Alkalai. Alkalai zählt zu den frühen Vordenkern einer organisierten jüdischen Rückkehr in das Land Israel. Historiker gehen davon aus, dass auch die erfolgreichen serbischen Aufstände gegen die osmanische Herrschaft seine Vorstellung von jüdischer nationaler Erneuerung beeinflussten. Ob sich jede geistige Verbindung bis zu Theodor Herzl lückenlos beweisen lässt, bleibt Gegenstand historischer Diskussionen. Sicher ist jedoch, dass eine frühe Form des modernen Zionismus in jenem serbisch geprägten Raum entstand, aus dem Herzls Familie stammte.

Natürlich besitzen Staaten keine bedingungslosen Freundschaften. Serbien pflegt weiterhin enge Beziehungen zu Russland und China. Jerusalem und Belgrad vertreten beim Kosovo nicht dieselbe Position: Israel erkannte den Staat Kosovo an, während Serbien dessen Unabhängigkeit entschieden zurückweist. Auch Vučić verfolgt zuerst serbische Interessen, so wie jede israelische Regierung zuerst die Sicherheit Israels vertreten muss. Gerade deshalb ist die heutige Nähe so bemerkenswert. Sie beruht nicht auf vollständiger politischer Übereinstimmung, sondern auf gegenseitigem Nutzen, historischer Erinnerung und der Erfahrung, dass beide Seiten Absprachen auch dann einhalten, wenn der öffentliche Druck wächst.

Als die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese Serbien bei ihrem Besuch in Belgrad vorwarf, „ohne Scham“ mit Israel zusammenzuarbeiten, wollte sie das Land an den Pranger stellen. In Belgrad wurde daraus nahezu ein Ehrenzeichen. Vertreter der serbisch-israelischen Zusammenarbeit erwiderten sinngemäß, die Bezeichnung Serbiens als einer der entschlossensten Verbündeten Israels sei kein Vorwurf, sondern ein Kompliment. Diese Reaktion sagt viel über das neue Verhältnis aus. Serbien entschuldigt sich nicht dafür, Israel beizustehen.

Während sich manche europäische Regierungen von Demonstrationen, Kampagnen und den Vorwürfen internationaler Aktivisten treiben lassen, setzt Belgrad auf eine nüchterne Erkenntnis: Israel ist kein belastender Partner, sondern ein technologisch führender Staat, ein zuverlässiger Sicherheitsverbündeter und ein Zugang zu amerikanischen sowie nahöstlichen Märkten. Israel wiederum hat in Serbien ein europäisches Land gefunden, das seine Freundschaft nicht nur bei Empfängen verkündet, sondern in Krisenzeiten mit Flugzeugen, Munition und politischen Entscheidungen belegt.

Die israelisch-serbische Beziehung ist deshalb keine romantische Randgeschichte der Diplomatie. Sie ist ein Modell dafür, wie kleinere und mittlere Staaten in einer unübersichtlichen Welt ihre Sicherheit selbst organisieren. Israel liefert Wissen, Technologie und Erfahrung. Serbien bietet industrielle Kapazität, strategische Tiefe und politische Verlässlichkeit. Aus einer alten Verbundenheit wird damit eine moderne Allianz, deren Gewicht in Europa gerade erst sichtbar wird.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 1. August 2026

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