Flaschen gegen jüdische DJ: Palästina-Aktivisten jagen Barbara Butch von der Bühne
Mehr als hundert Demonstranten verwandelten ein Konzert in Grenoble in ein politisches Tribunal. Nach Beleidigungen, Flaschenwürfen und Sabotage musste Barbara Butch die Bühne nach nur 20 Minuten verlassen.

Barbara Butch wollte am Samstagabend Musik auflegen. Nach kaum 20 Minuten musste die französische DJ unter Schutz von der Bühne gebracht werden. Mehr als hundert propalästinensische Aktivisten hatten ihr Konzert beim städtischen Festival Cabaret Frappé in Grenoble mit Pfiffen, Beschimpfungen und Sprechchören überzogen. Aus der Menge flogen Gegenstände in Richtung Bühne. Glasflaschen zerschellten nach Angaben der Künstlerin an ihrer Konsole und vor ihren Füßen.
Die Stadt Grenoble spricht zudem von Sabotage an elektrischen Anlagen. Das Konzert wurde am 18. Juli abgebrochen, weil die Sicherheit von Barbara Butch, dem Publikum und den Mitarbeitern nicht mehr gewährleistet werden konnte. Die Stadt verurteilte ausdrücklich Drohungen, Einschüchterungen und Gewalt. In einem Rechtsstaat, erklärte die Verwaltung, dürften politische Meinungsverschiedenheiten niemals mit Gewalt ausgetragen werden.
Das war keine spontane Unmutsäußerung einzelner Konzertbesucher. Der Auftritt der jüdischen Künstlerin war seit Wochen Ziel einer organisierten Boykottkampagne. Die Grenobler Vertretung der linksradikalen Partei La France insoumise hatte öffentlich ihre Ausladung gefordert. Weitere propalästinensische und linksradikale Gruppen schlossen sich der Mobilisierung an. Am Ende geschah genau das, worauf diese Kampagne hinauslief: Barbara Butch konnte nicht auftreten.
Wer eine Künstlerin so lange unter Druck setzt, bis Flaschen fliegen und die Musik verstummt, führt keine politische Debatte. Er setzt politische Säuberung mit den Mitteln der Einschüchterung durch.
Aus Kritik wurde die Jagd auf eine Person
Als Begründung für den Boykott nannten die Aktivisten Butchs zeitweilige Unterstützung für einen französischen Gesetzentwurf gegen neue Erscheinungsformen des Antisemitismus. Der nach der Abgeordneten Caroline Yadan benannte Entwurf sollte unter anderem Aufrufe zur Zerstörung eines von Frankreich anerkannten Staates stärker erfassen. Israel wurde im Text nicht ausdrücklich genannt, war jedoch erkennbar der Hintergrund der geplanten Regelung.
Barbara Butch hatte im März eine Erklärung zur Unterstützung des Vorhabens unterschrieben. Später distanzierte sie sich öffentlich davon und erklärte, die Unterschrift sei ein Fehler gewesen. Der Gesetzentwurf wurde im April von der parlamentarischen Tagesordnung genommen. Für ihre Gegner spielte das keine Rolle. Die Kampagne gegen sie ging weiter.
Hinzu kam ein Auftritt, den Butch im Juni 2025 in der Residenz des französischen Botschafters in Tel Aviv absolviert hatte. Allein diese Reise genügte, um sie zur angeblichen Komplizin israelischer Verbrechen zu erklären. Vor dem Konzert wurden Flugblätter verbreitet, auf denen die DJ mit Blut bespritzt dargestellt wurde. Sie stand dort an einem Mischpult vor einer mit einem Davidstern versehenen Regenbogenflagge und wurde als „Komplizin des Völkermords“ beschimpft.
Damit war die Grenze zur antisemitischen Zuschreibung längst überschritten. Eine französische Jüdin wurde nicht mehr als eigenständige Künstlerin behandelt, deren politische Haltung man kritisieren kann. Sie wurde zum Stellvertreter Israels gemacht. Ihre jüdische Identität, ihr Engagement gegen Antisemitismus und ein Auftritt in Tel Aviv wurden zu Bestandteilen einer Anklageschrift, die schließlich auf die Bühne getragen wurde.
Barbara Butch und ihre Anwältin Audrey Msellati sprechen deshalb von Antizionismus als Verkleidung des Antisemitismus. Ihr Hinweis verdient Beachtung. Protest richtet sich gegen eine Aussage, eine Entscheidung oder ein politisches Programm. Was in Grenoble geschah, zielte dagegen darauf, eine Person aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. In ihrem gemeinsamen Beitrag für „Le Monde“ beschreiben beide eine Kampagne, die Veranstalter bedrängt, Auftritte gefährdet und jeden öffentlichen Termin der Künstlerin zur Belastungsprobe macht.
Am Abend selbst blieb es nicht bei Transparenten und Rufen. Nach Darstellung Butchs flogen Kieselsteine, Kunststoffteile, Flüssigkeiten und Flaschen. Die Stadt bestätigte Gewalt, Drohungen und Eingriffe in die elektrische Versorgung. Wer unter solchen Umständen weiterhin von einer friedlichen Protestaktion spricht, verhöhnt die Tatsachen.
Die neu gewählte Grenobler Bürgermeisterin Laurence Ruffin, selbst eine Politikerin der ökologischen Linken und Unterstützerin palästinensischer Anliegen, widersprach dieser Verharmlosung entschieden. Sie sprach von einer Einschüchterungsstrategie und kündigte eine Anzeige gegen Unbekannt an. Auch der für Kultur zuständige Stadtrat will wegen persönlicher Bedrohungen und einer auf ihn geworfenen Flasche Anzeige erstatten.
Die Staatsanwaltschaft in Grenoble hat inzwischen ein Ermittlungsverfahren wegen gemeinschaftlicher Behinderung der künstlerischen Freiheit eröffnet. Der untersuchte Straftatbestand kann mit bis zu drei Jahren Haft und 45.000 Euro Geldstrafe geahndet werden. Ob einzelne Täter ermittelt und angeklagt werden können, ist noch offen. Bis zu einer gerichtlichen Entscheidung gilt die Unschuldsvermutung.
LFI-Politiker zeigt sich stolz
Besonders entlarvend ist die Reaktion von Allan Brunon, dem führenden Vertreter von La France insoumise im Grenobler Stadtrat. Er hatte den Boykottaufruf gegen Butch unterstützt und erklärte nach dem Abbruch des Konzerts, er sei „äußerst stolz“, an der Demonstration teilgenommen zu haben. Die von der Stadt, der Künstlerin und Zeugen beschriebenen Gewalttaten bestritt er.
Damit übernimmt ein gewählter Politiker Verantwortung für die Mobilisierung, will von ihren Folgen aber nichts wissen. Wochenlang wurde Barbara Butch als moralisch verwerfliche Person markiert. Ihre Ausladung wurde gefordert. Aktivisten erschienen in großer Zahl, bedrängten die Bühne und erzwangen schließlich das Ende des Auftritts. Wer anschließend stolz auf die Aktion ist, kann sich nicht glaubwürdig hinter der Behauptung verstecken, der Abbruch habe mit der Kampagne nichts zu tun.
Es geht dabei nicht nur um eine einzelne DJ. Der französische jüdische Dachverband CRIF sieht den Vorfall als Teil einer wachsenden Jagd auf jüdische Künstler und auf Menschen, die öffentlich gegen Antisemitismus auftreten. Sein Präsident Yonathan Arfi fordert von der französischen Regierung einen Notfallplan gegen kulturelle Boykotte und Einschüchterung. Er verweist auf frühere Kampagnen gegen den Sänger Amir, den Zeichner Joann Sfar, die Publizistin Sophia Aram und israelische Musiker.
Der Mechanismus ist immer derselbe. Ein Künstler wird wegen einer wirklichen oder unterstellten Nähe zu Israel markiert. Veranstalter werden unter Druck gesetzt. Auftritte werden gestört. Danach erklären die Verantwortlichen, es gehe allein um Menschenrechte und politische Kritik.
Doch eine politische Bewegung zeigt ihren wahren Charakter nicht nur an ihren Erklärungen. Sie zeigt ihn an den Mitteln, die sie duldet, rechtfertigt oder nachträglich feiert.
Barbara Butch war nach der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024 bereits Ziel einer schweren Kampagne aus antisemitischen, lesbophoben und frauenfeindlichen Beschimpfungen geworden. Damals kam der Hass vor allem aus der politischen Rechten und extremen Rechten. Vier Männer wurden später wegen ihrer Beteiligung an der digitalen Hetze verurteilt. Teile der französischen Linken stellten sich damals schützend vor die Künstlerin. Nun wird sie von Aktivisten aus diesem politischen Lager verfolgt, weil sie nicht die verlangte Haltung zu Israel einnimmt.
Das ist keine Solidarität. Es ist bedingte Duldung. Eine jüdische Künstlerin darf dazugehören, solange sie sich politisch unterwirft. Sobald sie gegen Antisemitismus Stellung bezieht, in Tel Aviv auftritt oder einem umstrittenen Gesetz zustimmt, wird ihre Zugehörigkeit widerrufen.
Barbara Butch hat sich davon nicht einschüchtern lassen. Sie erklärte nach dem Angriff, sie habe Angst gehabt, werde aber auf die Bühne zurückkehren. Diese Haltung ist mehr als persönliche Tapferkeit. Sie verteidigt einen Grundsatz, der in Grenoble mit Flaschen und Sabotage angegriffen wurde: Kein politischer Mob besitzt das Recht, darüber zu entscheiden, welche Juden auftreten, sprechen oder am kulturellen Leben teilnehmen dürfen.
Die Musik wurde an diesem Abend gestoppt.
Barbara Butch ist nicht verstummt.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 23. Juli 2026