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Der neue Judenhass macht Anne Frank zur „Nazi-Siedlerin“


Ein Mailänder Wandbild warnte: „Erinnerung genügt nicht mehr.“ Nun wurde es zum zweiten Mal geschändet und ausgerechnet Anne Frank und Primo Levi wurden als „zionistische Nazi-Siedler“ beschimpft.

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Anne Frank war 15 Jahre alt, als sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb. Sie besaß kein Land, führte keinen Krieg und erlebte die Gründung Israels nicht. Trotzdem haben Unbekannte ihr Bild in Mailand nun mit der Bezeichnung „zionistische Nazi-Siedler“ übermalt. Absurder und zugleich deutlicher kann sich moderner Antisemitismus kaum selbst entlarven.

Neben Anne Frank ist auf dem Wandbild Primo Levi zu sehen. Der italienische Jude wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und überlebte das Vernichtungslager. Nach dem Krieg gehörte er zu den wichtigsten Zeugen der Shoah. Sein Buch „Ist das ein Mensch?“ machte das System der Erniedrigung und Vernichtung in Auschwitz für Millionen Leser begreifbar.

Das Wandbild des italienischen Künstlers aleXsandro Palombo zeigt beide in der Kleidung jüdischer Deportierter. Sie sitzen sich gegenüber und blicken auf einen Himmel aus gelben Davidsternen. Dazwischen stand der Satz: „Memory Is No Longer Enough“, auf Deutsch: „Erinnerung genügt nicht mehr.“

Genau dieser Satz wurde nun übermalt. An seine Stelle sprühten Unbekannte die italienischen Worte „Coloni sionisti nazisti“, „zionistische Nazi-Siedler“. Auch Primo Levis Gesicht wurde beschädigt.

Die Täter wollten das Werk entstellen. Tatsächlich haben sie seine Aussage bestätigt.

Innerhalb eines halben Jahres zweimal geschändet

Palombo hatte das Wandbild am 27. Januar 2026 zum internationalen Holocaust-Gedenktag geschaffen. Es befindet sich in der Via Celoria nahe der Universität Mailand an einer Mauer der früheren Montello-Kaserne. Bereits wenige Tage nach der Enthüllung wurde Primo Levis Gesicht zum ersten Mal beschädigt.

Nun folgte der zweite Angriff innerhalb von weniger als sechs Monaten. Dieses Mal blieb es nicht bei der Beschädigung eines Gesichtes. Die Unbekannten ersetzten die zentrale Botschaft des Werkes durch eine Parole, die jüdische Opfer der Nationalsozialisten selbst zu Nationalsozialisten erklärt.

Der Ort trägt bereits eine längere Geschichte antisemitischer Angriffe. Auf derselben Mauer waren zuvor Palombos Porträts der Shoah-Überlebenden Liliana Segre, Sami Modiano und Edith Bruck zu sehen. Auch diese Werke wurden wiederholt geschändet. Davidsterne wurden entfernt oder durchgestrichen, die Porträtierten mit Nationalsozialisten gleichgesetzt und die Bilder mit Parolen zu Israel und Gaza übermalt.

Palombo reagierte darauf nicht mit einem Rückzug seiner Kunst aus dem öffentlichen Raum. Er nutzte die beschädigte Mauer für ein neues Werk und stellte mit Anne Frank und Primo Levi zwei Menschen in den Mittelpunkt, deren Namen weltweit für Verfolgung, Vernichtung und Zeugenschaft stehen.

Die erneute Tat zeigt, dass selbst diese Eindeutigkeit nicht mehr schützt. Anne Frank und Primo Levi wurden nicht trotz ihrer Geschichte ausgewählt, sondern gerade wegen ihrer jüdischen Geschichte. Der Angriff sollte die Bedeutung des Davidsterns verdrehen und aus Opfern nachträglich Täter machen.

Mit einer Auseinandersetzung über israelische Politik hat das nichts zu tun. Anne Frank starb mehr als drei Jahre vor der Gründung des Staates Israel. Primo Levi war Schriftsteller, Chemiker und Überlebender von Auschwitz. Beide waren weder „Siedler“ noch Vertreter einer israelischen Regierung. Die aufgesprühte Parole ergibt nur dann einen Sinn, wenn „Zionist“ nicht als politische Bezeichnung, sondern als Ersatzwort für „Jude“ verwendet wird.

Die Wahl des Zieles beseitigt jede Ausrede. Wer eine israelische Regierungsentscheidung ablehnen will, beschmiert nicht das Bild eines in Bergen-Belsen ermordeten Mädchens. Wer über einen territorialen Konflikt sprechen will, nennt nicht Anne Frank eine Siedlerin. Und wer Nationalsozialismus ernst nimmt, benutzt dessen jüdische Opfer nicht, um Juden erneut als Nazis zu beschimpfen.

Der Satz auf der Mauer wurde zur Nachricht

„Erinnerung genügt nicht mehr“ war ursprünglich eine künstlerische Warnung. Nach dem erneuten Angriff ist der Satz zu einer Beschreibung der Wirklichkeit geworden.

Die Geschichte Anne Franks ist in Europa allgegenwärtig. Ihr Tagebuch gehört zum Unterricht, ihr Name steht auf Schulen, Straßen und Gedenktafeln. Primo Levis Bücher werden gelesen, zitiert und wissenschaftlich behandelt. Beide sind nicht vergessen. Trotzdem werden ihre Bilder antisemitisch geschändet.

Das Problem ist daher nicht fehlendes Wissen allein. Die Täter mussten erkennen, wen sie vor sich hatten. Die Kleidung der Deportierten, die gelben Sterne und die Namen der Abgebildeten lassen keinen vernünftigen Zweifel. Sie sahen ein Werk über die Shoah und entschieden sich dennoch dafür, genau dort ihre Parole anzubringen.

Israels Botschafter in Italien und San Marino, Jonathan Peled, erklärte, die Beschädigung eines Ortes, der für die Erinnerung an Anne Frank und Primo Levi stehe, sei ein Angriff auf das Gedenken an die Shoah und auf die gemeinsame Verpflichtung, niemals zu vergessen. Antisemitischer Hass müsse in jeder Form klar zurückgewiesen werden. Keine hasserfüllte Schmiererei könne die Erinnerung auslöschen.

Die Kunstwerke Palombos werden inzwischen selbst zu Zeugnissen ihrer Zeit. Mehrere seiner geschändeten Porträts von Shoah-Überlebenden wurden von der Stiftung des Shoah-Museums in Rom übernommen. Sie sind am Portikus der Octavia im ehemaligen jüdischen Ghetto ausgestellt. Ihre Beschädigungen wurden nicht entfernt und vergessen, sondern Teil ihrer Geschichte.

Auch das Mailänder Wandbild erzählt nun zwei Geschichten. Die erste handelt von Anne Frank und Primo Levi, von Deportation, Ermordung und Überleben. Die zweite handelt von Menschen im Jahr 2026, die vor einem Himmel aus gelben Davidsternen standen und nichts anderes hinterlassen wollten als eine antisemitische Beschimpfung.

Anne Frank kann sich gegen diese Vereinnahmung nicht mehr wehren. Primo Levi kann nicht mehr erklären, was Auschwitz war. Deshalb darf die Einordnung nicht den Tätern überlassen bleiben: Sie haben keine „Israelkritik“ auf eine Mauer geschrieben. Sie haben ein ermordetes jüdisches Mädchen und einen Überlebenden von Auschwitz mit den Mördern der europäischen Juden gleichgesetzt.

Der Satz „Erinnerung genügt nicht mehr“ wurde übermalt. Lesbarer war er nie.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 19. Juli 2026

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