Früheres KZ-Frauenlager Hirtenberg soll Gewerbepark und möglicher Lidl-Filiale weichen
In Leobersdorf bei Wien wird das Areal des ehemaligen KZ-Außenlagers Hirtenberg bebaut. Geplant ist ein Gewerbeprojekt mit Kühl- und Logistikhalle, laut WZ und Falter soll auch eine Lidl-Filiale vorgesehen sein. Lidl bestätigt das bislang nicht.

In Leobersdorf in Niederösterreich wird ein Ort bebaut, der nicht irgendein Stück Gewerbefläche ist. Dort befand sich das KZ-Außenlager Hirtenberg, ein Frauenlager im System des Konzentrationslagers Mauthausen. Rund 400 Frauen und Mädchen waren hier festgehalten und mussten Zwangsarbeit leisten. Nun entstehen auf diesem Areal ein Gewerbepark, eine große Kühl- und Logistikhalle mit Laderampen, Tiefkühlbereichen und Versandzonen. Nach Recherchen der Wiener Zeitung und des Falter soll auf dem Gelände zudem eine Filiale des Discounters Lidl vorgesehen sein. Eine öffentliche Bestätigung von Lidl liegt dafür nach den vorliegenden Berichten nicht vor. Auf Anfrage der Wiener Zeitung wollte Lidl die Pläne weder bestätigen noch dementieren.
Schon diese Zurückhaltung zeigt, wie heikel der Vorgang ist. Es geht nicht um die Frage, ob ein Supermarkt gebaut werden darf. Es geht um die Frage, ob ein Staat, eine Gemeinde, Behörden und private Investoren begreifen, was ein solcher Ort bedeutet. Hirtenberg war kein leerer Randstreifen am Ortsausgang. Es war ein Lager des nationalsozialistischen Terrors. Frauen aus mehreren Ländern, darunter Häftlinge aus Auschwitz und Ravensbrück, wurden hierher verschleppt. Sie mussten für die Rüstungsindustrie arbeiten, unter Bewachung, unter Zwang, in einem System, das Menschen nicht als Menschen behandelte, sondern als verbrauchbares Material.
Das KZ-Außenlager Hirtenberg wurde im September 1944 eingerichtet und im April 1945 geräumt. Nach Angaben der Mauthausen Guides waren 391 Frauen im ersten Transport aus Auschwitz nach Hirtenberg gebracht worden, später folgte ein weiterer Transport mit elf Frauen. Die Häftlinge kamen unter anderem aus der Sowjetunion, Italien, Polen, Jugoslawien, Ungarn, Kroatien, Deutschland und der Slowakei. Die jüngste war 16 Jahre alt, die älteste 58. Viele mussten in der Munitionsproduktion arbeiten, etwa bei der Zündhütchenfertigung oder beim Umgang mit Patronenhülsen. Das ist der historische Boden, über den heute Bagger, Planungsakten und Kaufverträge gehen.
Ein Ort des NS-Terrors wird zur Baufläche
Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen und das Mauthausen Komitee Österreich kritisieren das Projekt seit Jahren. Nach Bekanntwerden der Bebauungspläne hätten sie sich gemeinsam mit der Lokalinitiative für den Erhalt der Artefakte und für ein würdiges Gedenken eingesetzt. In einer Erklärung warnten sie, eine Bebauung des ehemaligen KZ-Areals werde die materiellen Zeugnisse zerstören, einen weiteren Ort des NS-Terrors unkenntlich machen und dem Vergessen überlassen. Diese Worte sind nicht überzogen. Sie beschreiben genau, was geschieht, wenn ein Lagerort erst zum Grundstück und dann zur Gewerbefläche wird.
Die Behördenlage macht den Fall nicht besser. Das Bundesdenkmalamt führte das Areal zwar in seiner Liste der NS-Opferorte. Zugleich kam es nach vorliegenden Berichten nicht zu einem Schutz, der die Bebauung verhindert hätte. In einer Mitteilung verwies das Bundesdenkmalamt darauf, dass NS-Opferstätten auch unabhängig von Unterschutzstellungen besonderes Augenmerk verdienten und in einer öffentlich zugänglichen Liste erfasst seien. Doch eine Liste ersetzt keinen Schutz. Wer einen Ort dokumentiert, ihn aber anschließend verschwinden lässt, rettet nicht die Erinnerung. Er archiviert ihr Verschwinden.
Besonders bitter ist die wirtschaftliche Vorgeschichte. Die Wiener Zeitung berichtete bereits 2024, eine Immobilienfirma des Leobersdorfer Bürgermeisters Andreas Ramharter habe die Grundstücke für mehr als 15 Millionen Euro verkauft und durch Umwidmungen zusätzlich 1,34 Millionen Euro erhalten. Die Presse berichtete später, alle Bewilligungen lägen vor und die Bauarbeiten hätten im August 2025 begonnen. Ramharter wies demnach den Vorwurf einer Befangenheit zurück. Juristisch mag darüber gestritten werden. Moralisch bleibt der Eindruck verheerend: Auf einem ehemaligen KZ-Areal wird Geld verdient, während die Erinnerung an die dort festgehaltenen Frauen zur Störung im Bauablauf wird.
Man muss dabei sauber bleiben. Nach derzeitig öffentlich belegbarem Stand ist nicht nachgewiesen, dass Lidl selbst Bauherr des Projekts ist. Die Wiener Zeitung schreibt, laut Informationen von Falter und WZ solle Lidl auf dem Areal eine neue Filiale planen, mit dem Eigentümer Thomas Rattensperger solle es bereits einen Vertrag geben. Lidl wollte dies auf Anfrage nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren. Deshalb wäre die Formulierung „Lidl baut auf KZ-Gelände“ zu weit. Richtig ist: Auf dem früheren KZ-Areal entsteht ein Gewerbeprojekt, und nach Recherchen österreichischer Medien soll dort auch eine Lidl-Filiale vorgesehen sein. Genau diese juristische Vorsicht macht den Vorgang aber nicht weniger beschämend.
Denn der Kern bleibt: Ein Ort, an dem Frauen und Mädchen unter dem NS-Regime festgehalten und zur Arbeit gezwungen wurden, wird überbaut. Ob dort am Ende ein bestimmter Discounter, ein Lager, eine Kühlhalle oder eine andere Gewerbenutzung steht, ändert nichts an der historischen Verantwortung. Die Frage lautet nicht nur, wer dort künftig Waren verkauft oder lagert. Die Frage lautet, warum ein solcher Ort überhaupt so behandelt werden darf.
Gedenken darf nicht an der Grundstücksgrenze enden
Österreich spricht an Gedenktagen gern von Verantwortung. Politiker legen Kränze nieder, erinnern an Mauthausen, an die Opfer des Nationalsozialismus, an die Pflicht des „Nie wieder“. Diese Worte sind wichtig. Aber sie verlieren ihre Kraft, wenn die Praxis anders aussieht. Erinnerung beweist sich nicht nur an großen Gedenkstätten, die jeder kennt. Sie beweist sich auch an kleineren Orten, an Außenlagern, an Fundamentresten, an Flächen, die nicht monumental wirken und gerade deshalb gefährdet sind.
Hirtenberg ist ein solcher Ort. Es ist kein symbolisch aufgeladener Platz in einer Hauptstadt, sondern ein Areal nahe Leobersdorf. Genau darin liegt seine Bedeutung. Der NS-Terror fand nicht nur an wenigen bekannten Hauptorten statt. Er war verteilt über Fabriken, Lager, Außenstellen, Baracken, Wege, Werkstore und Zwangsarbeitsstätten. Wenn solche Orte verschwinden, verschwindet auch das Wissen darüber, wie tief die Verbrechen in den Alltag eingebaut waren.
Deshalb reicht eine Stele am Rand nicht aus, wenn gleichzeitig der eigentliche Ort überbaut wird. Eine Gedenktafel kann wichtig sein. Aber sie darf nicht zur Beruhigungspille werden, während der historische Boden verschwindet. Wer Erinnerung ernst nimmt, muss mehr tun, als einen Hinweis aufzustellen und danach die Laderampen freizugeben.
Der Fall Hirtenberg ist mehr als ein lokaler Streit um Bebauung. Er ist ein Test für den Umgang Europas mit seiner Geschichte. Je weiter der Nationalsozialismus zeitlich entfernt ist, desto größer wird die Versuchung, seine Orte als Altlasten zu behandeln. Erst heißt es, die Reste seien nicht bedeutend genug. Dann heißt es, die wirtschaftliche Nutzung sei längst geplant. Dann heißt es, man könne ja irgendwo erinnern. Am Ende bleibt ein sauberer Gewerbepark und eine schmutzige Leerstelle im Gedächtnis.
Gerade bei einem Frauenlager wie Hirtenberg ist diese Leerstelle schwer zu ertragen. Die Geschichte der weiblichen Häftlinge, ihrer Zwangsarbeit, ihrer Angst, ihrer Verschleppung und ihrer Namen verdient mehr als eine Randnotiz. Diese Frauen wurden nicht irgendwo in einer abstrakten Vergangenheit entrechtet. Sie waren an genau diesem Ort. Sie gingen über diese Wege. Sie wurden dort bewacht. Sie arbeiteten für eine Kriegsmaschine, die Europa verwüstete und Millionen Menschen ermordete.
Es ist deshalb richtig, dass die KZ-Gedenkstätte Mauthausen, das Mauthausen Komitee Österreich, die Israelitische Kultusgemeinde Wien und lokale Initiativen widersprechen. Sie verteidigen nicht nur Steine. Sie verteidigen die Grenze zwischen Erinnerung und Verwertung. Diese Grenze darf eine demokratische Gesellschaft nicht preisgeben.
Wenn Österreich aus seiner Geschichte gelernt haben will, muss es solche Orte besser schützen. Nicht nur dort, wo bereits Besucherzentren stehen. Nicht nur dort, wo internationale Delegationen kommen. Auch dort, wo Baupläne, Umwidmungen und Geschäftsinteressen längst laufen. Gerade dort.
Hirtenberg zeigt, wie schnell ein Ort des Leidens zur Fläche für Logistik werden kann. Das ist der eigentliche Skandal. Nicht, weil Handel an sich unanständig wäre. Sondern weil es Orte gibt, an denen ein demokratisches Gemeinwesen sagen muss: Hier nicht.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 6. Juli 2026