Britische Juden verlangen Antworten nach Polizeipapier gegen Zionismus
Nach dem umstrittenen Papier der muslimischen Polizeivereinigung wächst der Druck. Jüdische Verbände wollen wissen, wer das Dokument kannte, wie es verbreitet wurde und ob es die Polizeiarbeit beeinflusste.

Nach der Veröffentlichung eines umstrittenen Papiers der National Association of Muslim Police wächst in Großbritannien der Druck auf Polizei und Regierung. Jüdische Organisationen verlangen nicht nur eine Distanzierung, sondern konkrete Antworten. Denn das Dokument, über das haOlam bereits berichtete, hatte Zionismus als eine Form antimuslimischen Hasses dargestellt, die israelische Armee als „zionistische Terrorgruppe“ bezeichnet und nach Angaben britischer jüdischer Vertreter problematische Aussagen zur Shoah, zu Israel und zum Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 enthalten.
Damit geht es nicht mehr nur um einen einzelnen Text, der inzwischen von der Webseite der Organisation entfernt wurde. Es geht um die Frage, wie ein solches Papier überhaupt im Umfeld einer polizeinahen Vereinigung erscheinen konnte. Die National Association of Muslim Police ist nach Medienberichten mit 16 von 43 Polizeibehörden im Vereinigten Königreich verbunden und gibt an, mehr als 20.000 Beamte und Mitarbeiter zu vertreten. Wenn ein Verband mit solcher Reichweite ein Dokument veröffentlicht, in dem jüdische Selbstbestimmung als Hass gegen Muslime dargestellt wird, reicht ein späteres Löschen nicht aus.
Der Board of Deputies of British Jews nannte das Papier „verstörend“ und warnte, falls ein solches Dokument unter Beamten zirkuliere, stelle es die Integrität der Polizeiarbeit infrage. Der Jewish Leadership Council sprach von einem „zutiefst beunruhigenden“ Vorgang. Besonders schwer wiegt aus Sicht jüdischer Vertreter, dass eine Haltung, die von vielen Juden weltweit als legitime Form jüdischer Selbstbestimmung verstanden wird, in die Nähe von Hass gegen Muslime gerückt wurde.
Genau darin liegt der Kern des Skandals. Kritik an israelischer Politik ist erlaubt. Auch harte Kritik ist erlaubt. Doch Zionismus pauschal als antimuslimischen Hass zu definieren, ist keine normale politische Analyse. Es macht aus jüdischer Selbstbestimmung ein Verdachtsmerkmal. In einem Polizeikontext ist das besonders gefährlich. Polizisten sollen jüdische Bürger schützen, nicht ihre Verbindung zu Israel als potenzielles Problem betrachten.
Die Organisation selbst hat sich inzwischen von dem Papier distanziert. NAMP erklärte, man unterstütze weder Hamas noch eine andere verbotene Organisation, verurteile Terrorismus und Extremismus und bedauere die Sorge, das Unbehagen oder mögliche Missverständnisse, die durch die Veröffentlichung entstanden seien. Der Autor des Papiers, Khaldoun Kabbani, sei nicht mehr mit der Organisation verbunden. Doch diese Erklärung beantwortet die entscheidenden Fragen nicht.
Wer hat das Papier geprüft? Wer hat es freigegeben? War es nur online abrufbar oder wurde es intern genutzt? Haben Polizeibehörden davon gewusst? Wurde das Dokument in Schulungen, Diskussionen oder Arbeitsgruppen eingebunden? Und welche Konsequenzen folgen nun? Genau diese Fragen stellen jüdische Organisationen zu Recht.
Die Campaign Against Antisemitism reagierte besonders scharf. Die Organisation verwies darauf, dass nach ihren Erhebungen 83 Prozent der britischen Juden nicht glauben, die Polizei tue genug, um sie zu schützen. In diesem Klima wirkt das Papier nicht wie ein isolierter Fehler. Es bestätigt eine Sorge, die viele britische Juden seit dem 7. Oktober 2023 umtreibt: dass antisemitische Bedrohungen nicht konsequent genug erkannt werden, sobald sie sich als Antizionismus, Menschenrechtsrhetorik oder Protest gegen Israel tarnen.
Großbritannien erlebt seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober eine massive Zunahme antisemitischer Vorfälle. Jüdische Schulen, Synagogen, Studenten, Geschäfte und Familien stehen unter Druck. Zugleich gibt es seit Monaten Streit über Polizeiarbeit bei antiisraelischen Demonstrationen und über den Vorwurf einer Zwei-Klassen-Polizeiarbeit. Gerade in dieser Lage muss die Polizei jeden Zweifel ausräumen, dass jüdische Bürger anders behandelt oder ihre Sorgen politisch relativiert werden.
Das Problem ist nicht der Schutz muslimischer Polizisten oder der Kampf gegen antimuslimischen Hass. Beides ist legitim und notwendig. Muslimische Bürger und Beamte verdienen Schutz vor Diskriminierung, Gewalt und pauschaler Verdächtigung. Aber dieser Schutz darf niemals auf Kosten jüdischer Sicherheit und jüdischer Identität definiert werden. Wer Minderheitenschutz ernst nimmt, darf Juden und Muslime nicht gegeneinander ausspielen.
Ein Papier, das angeblich antimuslimischen Hass bekämpfen will, aber Zionismus als Hassform beschreibt, beschädigt genau diesen Anspruch. Es verschiebt den Blick von realer Muslimfeindlichkeit auf ein politisches Feindbild Israel. Damit wird nicht Zusammenhalt gestärkt, sondern Misstrauen erzeugt. Besonders fatal ist das innerhalb oder im Umfeld der Polizei, weil dort Neutralität keine Nebensache ist, sondern Grundlage staatlicher Autorität.
Die Metropolitan Police, die größte Polizeibehörde des Vereinigten Königreichs und formaler NAMP-Partner, lehnte laut Berichten eine Stellungnahme zu dem Papier ab. Das ist zu wenig. Gerade London hat eine große jüdische Gemeinschaft, die nach den antisemitischen Vorfällen der vergangenen Jahre auf sichtbaren Schutz angewiesen ist. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss mehr tun, als auf interne Zuständigkeiten zu verweisen.
Der Vorgang zeigt ein bekanntes Muster: Erst erscheint ein radikales Papier, dann folgt öffentliche Empörung, dann wird gelöscht, bedauert und von Missverständnissen gesprochen. Doch für jüdische Gemeinden ist der Schaden dann längst entstanden. Sie sehen, dass Begriffe wie „Zionist“ oder „Zionismus“ immer häufiger als Ersatzmarken für jüdische Schuld benutzt werden. Sie erleben, dass Israelhass in institutionelle Sprache eindringen kann. Und sie fragen sich, ob die Behörden, die sie schützen sollen, diese Entwicklung wirklich verstehen.
Darum geht es jetzt. Nicht um eine weitere Entschuldigung, nicht um eine technische Korrektur auf einer Webseite, sondern um Aufklärung. Die britischen Polizeibehörden müssen offenlegen, ob das Dokument in ihren Strukturen bekannt war. NAMP muss erklären, wie es zur Veröffentlichung kam. Verantwortliche müssen geprüft werden. Und jüdische Gemeinden brauchen eine klare Zusicherung, dass Zionismus nicht als polizeiliches Verdachtsmerkmal oder als Form von Hass behandelt wird.
Der Schutz vor antimuslimischem Hass darf nicht zur Tarnung für israelbezogenen Antisemitismus werden. Wer diese Grenze nicht zieht, beschädigt das Vertrauen in die Polizei und gefährdet genau jene gesellschaftliche Ordnung, die er angeblich schützen will.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 12. Juni 2026