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An deutschen Schulen wächst der nächste Judenhass heran


„Jude“ wird als Beleidigung benutzt, der 7. Oktober relativiert und Israel zum Täterstaat erklärt. Wer das als Provokation abtut, lässt Antisemitismus zur Normalität einer neuen Generation werden.

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Ein Kind beschimpft ein anderes als „Jude“. Auf einer Schultoilette stehen Mordwünsche gegen Juden. Im Unterricht wird das Massaker der Hamas vom 7. Oktober verharmlost, während jüdische Mitschüler für Israels Krieg verantwortlich gemacht werden. Danach fällt häufig derselbe beschwichtigende Satz: Die Jugendlichen hätten nicht gewusst, was sie da sagen.

Doch sie wissen sehr genau, dass „Jude“ als Kränkung funktionieren soll. Sie haben verstanden, dass jüdische Identität in ihrem Umfeld als etwas Minderwertiges, Fremdes oder Schuldiges behandelt werden kann. Dafür müssen sie weder die Geschichte des Antisemitismus kennen noch eine fertige politische Weltanschauung besitzen. Es genügt, dass andere lachen und Erwachsene den Vorfall möglichst geräuschlos beenden.

Ein aktueller Bericht aus Gladbeck nennt „Du Jude“ als Schimpfwort, Hakenkreuze und antisemitische Vorurteile als Teil des Schulalltags. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel werde eine Zunahme beobachtet. Gladbeck ist dabei nicht der außergewöhnliche Ort, sondern nur der jüngste sichtbare Ausschnitt eines bundesweiten Problems.

RIAS dokumentierte im Jahr 2025 bundesweit 715 antisemitische Vorfälle an Bildungseinrichtungen. 258 davon ereigneten sich an Schulen, weitere 410 an Hochschulen. In Nordrhein-Westfalen gehörten Bildungseinrichtungen mit rund 140 Fällen erneut zu den häufigsten Tatorten antisemitischer Vorfälle. Sechs körperliche Angriffe und vier Bedrohungen wurden dort im Bildungsbereich registriert. Diese Zahlen bilden nur die gemeldeten und bekannt gewordenen Fälle ab.

Die dokumentierten Beispiele lassen keinen Raum für die bequeme Behauptung, es gehe nur um misslungene Witze. Ein jüdischer Schüler wurde beim Betreten des Klassenraums als „nerviger Jude“ bezeichnet. Andere Jugendliche benutzten antisemitische Beschimpfungen in persönlichen Auseinandersetzungen. An Schulen wurden Schmierereien wie „Tote Juden“ und „Judensau“ entdeckt. In einem weiteren Fall wurde einer jüdischen Schülerin die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten entgegengehalten, um Israel anzugreifen.

Das ist kein Sprachproblem. Es ist die Einübung von Menschenverachtung.

Der 7. Oktober wurde zum Freibrief

Seit dem Massaker der Hamas hat sich der Antisemitismus an Schulen verändert. Die alten Bilder sind nicht verschwunden: Hakenkreuze, nationalsozialistische Parolen und Verschwörungserzählungen gehören weiterhin dazu. Hinzu kommt ein Israelhass, der sich als politische Haltung tarnt und dadurch leichter entschuldigt wird.

In Nordrhein-Westfalen ordnete RIAS 753 Vorfälle im Jahr 2025 dem israelbezogenen Antisemitismus zu. Damit machte diese Erscheinungsform mehr als die Hälfte aller erfassten Fälle im Land aus. Seit dem 7. Oktober 2023 nimmt sie weiter zu. RIAS warnt ausdrücklich davor, dass antisemitische Vorstellungen auf Israel übertragen und anschließend als angebliche Kritik verharmlost werden.

Politische Kritik an Israel ist selbstverständlich erlaubt. Antisemitisch wird sie dort, wo der jüdische Staat dämonisiert, mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichgesetzt oder als einziges Land der Welt zur Auflösung freigegeben wird. Antisemitisch ist es auch, jüdische Kinder für Entscheidungen der israelischen Regierung verantwortlich zu machen oder von ihnen eine Distanzierung zu verlangen.

Ein jüdischer Schüler ist kein israelischer Botschafter. Er muss weder die Politik Netanjahus erklären noch sich für einen Krieg rechtfertigen. Trotzdem werden jüdische Jugendliche im Klassenzimmer und auf dem Schulhof genau in diese Rolle gedrängt. Andere entscheiden, dass ihre Religion oder Herkunft sie zu Vertretern Israels macht. Schweigen sie, gilt das als Zustimmung. Widersprechen sie, werden sie selbst zum Problem erklärt.

Besonders verheerend ist es, wenn Lehrkräfte aus vermeintlicher Neutralität nicht eingreifen. Neutralität bedeutet nicht, zwischen einem antisemitischen Angreifer und seinem Opfer die Mitte zu suchen. Sie verlangt auch nicht, eine Forderung nach der Vernichtung Israels als eine von mehreren gleichberechtigten Meinungen im Raum stehen zu lassen.

RIAS Nordrhein-Westfalen fordert ausdrücklich mehr Handlungssicherheit und eine Überprüfung der Meldewege an Schulen. In der Lehrerausbildung müsse Antisemitismus verbindlich behandelt werden. Zugleich müsse klargestellt werden, dass seine Bekämpfung Haltung und gezieltes Eingreifen erfordert. Auch der israelbezogene Antisemitismus und die Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus müssten im Unterricht deutlich benannt werden.

Dass solche Forderungen im Jahr 2026 weiterhin notwendig sind, zeigt das Versagen. Deutschland verfügt über Lehrpläne, Handreichungen, Beratungsstellen und Gedenktage. Das nordrhein-westfälische Schulministerium stellt Materialien bereit und unterhält in allen 53 Kreisen und kreisfreien Städten Fachstellen, die Schulen beim Umgang mit Antisemitismus beraten können. Trotzdem erleben Betroffene weiterhin, dass Vorfälle kleingeredet, falsch eingeordnet oder intern möglichst leise abgewickelt werden.

Ein Projekttag über jüdisches Leben hilft wenig, wenn am nächsten Morgen „Jude“ wieder als Schimpfwort durch den Flur gerufen wird und niemand reagiert. Eine Fahrt nach Auschwitz bleibt wirkungslos, wenn Schüler anschließend den jüdischen Staat mit den Nationalsozialisten gleichsetzen dürfen. Und ein Wettbewerb gegen Antisemitismus schützt kein jüdisches Kind, wenn die Schulleitung vor einem Konflikt mit Tätern oder Eltern zurückschreckt.

Wer schweigt, erzieht mit

Schulen können nicht jeden Hass beseitigen, den Jugendliche aus dem Elternhaus, aus politischen Gruppen, von Predigern oder aus sozialen Netzwerken mitbringen. Sie entscheiden aber darüber, ob dieser Hass im Schulgebäude auf Widerstand trifft oder sich dort festsetzen kann.

Jeder antisemitische Vorfall muss als solcher bezeichnet und dokumentiert werden. Betroffene brauchen einen geschützten Ansprechpartner und dürfen nicht gezwungen werden, vor der Klasse ihre Verletzung zu erklären. Eltern müssen informiert, Wiederholungsfälle erfasst und klare schulische Konsequenzen ausgesprochen werden. Bei Bedrohungen, Volksverhetzung, körperlicher Gewalt oder verbotenen Kennzeichen gehören Polizei und Staatsschutz eingeschaltet.

Vor allem darf die Schule die Verantwortung nicht auf jüdische Kinder abwälzen. Sie müssen keinen Dialog mit ihren Angreifern führen, keine Versöhnung inszenieren und niemandem erklären, warum „Jude“ keine Beleidigung ist. Diese Arbeit ist Aufgabe der Erwachsenen.

Der Antisemitismus kommt dabei aus mehreren Richtungen. Rechtsextreme Jugendliche greifen auf die Sprache des Nationalsozialismus zurück. Islamistische und arabisch-nationalistische Feindbilder erklären Juden zu Verbündeten eines angeblich ewigen Feindes. Teile der radikalen Linken verwandeln Israel in das Böse schlechthin und liefern dafür eine Sprache, die selbst Mordaufrufe als Befreiung erscheinen lässt. Schulen dürfen keine dieser Formen aus politischer Bequemlichkeit verschweigen.

Deutschland ist gemessen an seiner jüdischen Bevölkerung bereits trauriger Spitzenreiter beim Judenhass unter den großen Diasporaländern. Der Hass in Schulen ist keine Randerscheinung dieser Entwicklung. Dort entscheidet sich, ob er an die nächste Generation weitergegeben wird.

Ein Land, das bei jedem Gedenktag von Verantwortung spricht, darf nicht zusehen, wie jüdische Kinder im Klassenzimmer lernen, ihre Identität besser zu verbergen. „Nie wieder“ scheitert nicht erst bei einem Anschlag auf eine Synagoge. Es scheitert bereits dort, wo ein Schüler „Du Jude“ ruft, die Klasse lacht und die Erwachsenen zur nächsten Unterrichtsstunde übergehen.

Wer Antisemitismus an Schulen verharmlost, schützt keine Jugendlichen vor harten Konsequenzen. Er bringt ihnen bei, dass Judenhass ohne Folgen bleibt.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 1. August 2026

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