Nach Terrorparolen: Frankfurt ruft zur Großdemonstration gegen Judenhass
Auf dem Römerberg soll Ende August ein sichtbares Zeichen gegen Judenhass gesetzt werden. Nach israelfeindlichen Aufmärschen, offenen Vernichtungsparolen und einem Klima wachsender Einschüchterung wächst in Frankfurt der Widerstand.

Frankfurt steht vor einer Bewährungsprobe. Am 30. August wollen jüdische Initiativen, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und zahlreiche weitere Unterstützer auf dem Römerberg gegen Antisemitismus demonstrieren. Der Aufruf kommt nicht aus dem Nichts. Er ist die Antwort auf eine Entwicklung, die viele Menschen in Deutschland längst sehen, über die aber noch immer zu vorsichtig gesprochen wird: Judenhass tritt wieder offen auf, laut, aggressiv und immer öfter mit dem Anspruch, als politischer Aktivismus durchzugehen.
Nach Angaben der Organisatoren ist der unmittelbare Anlass eine israelfeindliche Großdemonstration in Frankfurt, bei der antisemitische Parolen verbreitet, Terror verherrlicht und zur Tötung israelischer Soldaten aufgerufen worden sei. Wenn solche Parolen auf deutschen Straßen erschallen, ist eine rote Linie überschritten. Dann geht es nicht mehr um politische Kritik, nicht um Nahostdebatten und schon gar nicht um legitimen Protest. Dann geht es um die offene Feindschaft gegen den jüdischen Staat und um ein gesellschaftliches Klima, in dem auch Juden in Deutschland wieder lernen müssen, dass ihr Schutz keine Selbstverständlichkeit ist.
Genau deshalb ist der Aufruf für Frankfurt mehr als nur eine weitere Kundgebung im Kalender politischer Gruppen. Er ist ein notwendiger Einspruch gegen die Gewöhnung. Denn an zu vielen Orten hat sich eine gefährliche Routine eingeschlichen: Aufrufe zur „Intifada“, die Verklärung palästinensischen Terrors, das Zerstören jeder Grenze zwischen Kritik an einer Regierung und Hass auf Juden, das Einschüchtern von Menschen, die offen zu Israel stehen. Was früher als Tabubruch galt, wird heute von manchen als mutige Haltung verkauft. Das ist eine moralische Verwahrlosung, der man nicht mit Schweigen begegnen darf.
Die Veranstalter nennen den Angriff auf ein 65-jähriges Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in der Nähe von Würzburg als Beispiel dafür, wie konkret diese Entwicklung bereits geworden ist. Der Mann wurde schwer verletzt, weil er einen kleinen Aufkleber mit israelischer Flagge getragen haben soll. Er erlitt nach den Angaben der Initiatoren unter anderem einen Wirbelbruch und musste intensivmedizinisch behandelt werden. Selbst wenn jeder Einzelfall juristisch sauber aufgearbeitet werden muss, ist die Botschaft solcher Taten längst unübersehbar: Wer in Deutschland sichtbar zu Israel steht oder als Jude wahrgenommen wird, lebt für manche wieder gefährlich.
Das ist der eigentliche Skandal. Ein Land, das seine historische Verantwortung so oft beschwört, erlebt auf Straßen, an Hochschulen und in sozialen Netzwerken eine neue Unverfrorenheit des Antisemitismus. Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem mehr als 1200 Menschen ermordet und über 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden, hat sich dieser Hass weiter enthemmt. Statt die Täter klar zu benennen, werden immer wieder die Rollen verdreht. Die Hamas wird relativiert, Israel dämonisiert und die jüdische Gemeinschaft weltweit mitverantwortlich gemacht. Aus Opfern werden angebliche Schuldige gemacht. Genau diese Umkehr ist es, die die Organisatoren mit ihrer Demonstration anprangern.
Es geht nicht nur um jüdisches Leben, sondern um den Zustand des Landes
Wer Judenhass auf deutschen Straßen zulässt, gefährdet nicht nur Juden. Er beschädigt das Fundament des demokratischen Zusammenlebens. Antisemitismus ist nie ein isoliertes Problem. Er ist immer ein Angriff auf den Rechtsstaat, auf die Würde des Einzelnen und auf die Fähigkeit einer freien Gesellschaft, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Wenn der Ruf nach Gewalt gegen Israelis geduldet wird, ist das nicht bloß eine Zumutung für die jüdische Gemeinschaft. Es ist ein Angriff auf die politische Kultur in diesem Land.
Die Demonstration in Frankfurt will deshalb bewusst mehr sein als ein jüdisches Signal an die Mehrheitsgesellschaft. Sie ist eine Einladung an alle, die nicht hinnehmen wollen, dass sich Hass als Haltung verkleidet. Die Initiatoren werben für ein friedliches Miteinander, für Respekt und für Aufklärung. Das klingt zurückhaltend, ist in der gegenwärtigen Lage aber bemerkenswert klar. Denn Aufklärung heißt eben auch, die Dinge beim Namen zu nennen. Wer Terror verherrlicht, ist kein Friedensaktivist. Wer zur Tötung israelischer Soldaten aufruft, äußert keine politische Meinung, sondern überschreitet die Grenze zur menschenverachtenden Agitation. Wer jüdisches Leben in Deutschland mit Israels Existenzrecht verknüpft, um beides zum Feindbild zu machen, greift die offene Gesellschaft im Kern an.
Zu den Unterstützern des Aufrufs gehören nach den Angaben der Veranstalter unter anderem B’nai B’rith Frankfurt, Beyachad Frankfurt, Chabad Frankfurt, die Jüdische Gemeinde Frankfurt, die Arbeitsgemeinschaft Frankfurt der Deutsch-Israelischen Gesellschaft sowie politische Kräfte wie FDP, Junge Liberale, CDU und Junge Union. Dass die Bitte um Unterstützung an alle Parteien mit Ausnahme von Die Linke und der AfD gerichtet wurde, zeigt zugleich, wie bewusst die Veranstalter ihren Protest in der demokratischen Mitte verankern wollen. Das ist ein wichtiges Signal. Der Kampf gegen Antisemitismus darf weder parteipolitisch zersplittert noch an die politischen Ränder delegiert werden. Er gehört ins Zentrum der Gesellschaft.
Der Römerberg ist der richtige Ort
Dass die Kundgebung auf dem Römerberg stattfinden soll, ist kein Zufall. Dort, im Herzen Frankfurts, soll sichtbar werden, dass Juden in Deutschland nicht alleinstehen dürfen. Wer heute gegen Antisemitismus auf die Straße geht, verteidigt nicht nur eine Minderheit. Er verteidigt den Anspruch, dass in Deutschland niemand um seine Sicherheit fürchten muss, weil er Jude ist, weil er eine Israelfahne trägt oder weil er das Recht Israels auf Selbstverteidigung verteidigt.
Frankfurt hat in den vergangenen Monaten oft genug erleben müssen, wie Israelhass auf offener Straße mobilisiert wird. Nun bekommt die Stadt die Gelegenheit, eine andere Antwort zu geben. Nicht leise, nicht ausweichend und nicht in der Sprache der Beschwichtigung, sondern klar und sichtbar. Die Demonstration am 30. August ist deshalb nicht nur ein Termin für die jüdische Gemeinschaft oder für Israelfreunde. Sie ist ein Test für alle, die behaupten, Antisemitismus entschieden entgegentreten zu wollen.
Wenn deutsche Städte zu Orten werden, an denen man wieder darüber diskutieren muss, ob Gewaltaufrufe gegen Israelis oder Einschüchterungen von Juden „noch von der Meinungsfreiheit gedeckt“ seien, dann ist längst mehr in Gefahr als der öffentliche Frieden. Dann ist die moralische Richtung des Landes in Unordnung geraten. Frankfurt kann darauf eine Antwort geben. Nicht mit symbolischer Betroffenheit, sondern mit Präsenz.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 1. August 2026