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Deutschland ist trauriger Spitzenreiter beim Judenhass


Unter den sieben größten jüdischen Diasporaländern werden hierzulande mit Abstand die meisten antisemitischen Vorfälle gemessen an der jüdischen Bevölkerung registriert. Das eigentliche Versagen beginnt dort, wo sich Deutschland daran gewöhnt.

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Deutschland spricht gern über Verantwortung. Kaum ein offizieller Gedenktag vergeht ohne die Versicherung, jüdisches Leben gehöre zu diesem Land und werde geschützt. Doch die Wirklichkeit hinter diesen Sätzen ist bitter. Jüdische Schulen brauchen Sicherheitsdienste, Synagogen stehen unter Polizeischutz, Gemeindehäuser bleiben hinter schweren Türen verborgen. Wer eine Kippa trägt, einen Davidstern zeigt oder auf der Straße Hebräisch spricht, muss sich inzwischen vielerorts fragen, ob er damit zur Zielscheibe wird.

Der neue Bericht der internationalen J7-Arbeitsgruppe gegen Antisemitismus macht sichtbar, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen. Untersucht wurden sieben Staaten, in denen zusammen mehr als 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung außerhalb Israels leben: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Australien, Argentinien und die Vereinigten Staaten.

Innerhalb dieser Gruppe steht Deutschland an einer Stelle, an der kein demokratisches Land stehen dürfte. Für das Jahr 2025 wurden 8725 antisemitische Vorfälle erfasst. Das entspricht fast 24 Fällen an jedem einzelnen Tag. Bezogen auf die jüdische Bevölkerung kamen in Deutschland 69,8 Vorfälle auf 1000 jüdische Einwohner. Australien folgte mit 14,14, Großbritannien mit 11,82. Der deutsche Wert lag damit beinahe fünfmal so hoch wie der australische und fast sechsmal so hoch wie der britische.

Die Bezeichnung als weltweiter Spitzenreiter wäre weiter gefasst als die Untersuchung selbst. Doch unter den großen jüdischen Diasporaländern ist das Ergebnis eindeutig: Nirgends ist die Belastung jüdischer Menschen im Verhältnis zur Größe ihrer Gemeinschaft so hoch wie in Deutschland.

Der 7. Oktober öffnete die Schleusen

Der Anstieg begann nicht erst gestern. Im Jahr 2022 registrierte RIAS bundesweit 2610 antisemitische Vorfälle. 2023 waren es bereits 4886. Ein Jahr später stieg die Zahl auf 8713, 2025 erreichte sie mit 8725 erneut ein Rekordniveau.

Damit ist eine bequeme Erklärung widerlegt. Der Judenhass nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 war keine kurze Überreaktion auf einen Krieg im Nahen Osten. Er verschwand auch nicht, als weniger gekämpft wurde oder Waffenruhen galten. Er blieb. Er fraß sich in Demonstrationen, Universitäten, Schulen, Kulturveranstaltungen, soziale Netzwerke und den Alltag jüdischer Familien.

Mehr als zwei Drittel aller erfassten Fälle standen im Zusammenhang mit Israel. Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an der israelischen Regierung antisemitisch wäre. Es bedeutet, dass Israel immer häufiger als Vorwand genutzt wird, um Juden kollektiv verantwortlich zu machen, den jüdischen Staat zu dämonisieren oder sein Existenzrecht zu bestreiten.

Wer vor einer Synagoge „Kindermörder Israel“ ruft, richtet sich nicht an eine Regierung in Jerusalem. Wer einen jüdischen Studenten auffordert, sich von Israel zu distanzieren, behandelt ihn nicht als Individuum. Und wer auf deutschen Straßen Parolen verbreitet, die auf die Beseitigung Israels zielen, fordert nicht Frieden, sondern das Ende des einzigen jüdischen Staates.

Hinter den Zahlen stehen keine abstrakten Vorgänge. RIAS dokumentierte vier Fälle extremer Gewalt, 178 körperliche Angriffe und 257 Bedrohungen. In Kehl wurden Mitglieder einer jüdischen Gemeinde vor einem Gebetsraum beleidigt und bespuckt. In Hessen wurde ein Rabbiner vor den Augen seiner Kinder in einem Supermarkt angegriffen. Eine Jüdin erhielt im Internet das Bild einer Dose Zyklon B mit dem Hinweis, davon sei noch etwas übrig.

Solche Erlebnisse enden nicht, wenn der Täter verschwunden ist. Sie bleiben im Kopf. Sie verändern Wege, Kleidung und Gewohnheiten. Menschen überlegen, ob sie ihre Kippa unter einer Mütze verbergen, den Davidstern ablegen oder ihre Kinder allein zur jüdischen Schule fahren lassen können. Der Hass zwingt sie, ihre Sichtbarkeit einzuschränken, während die Mehrheitsgesellschaft weiter behauptet, jüdisches Leben sei selbstverständlich.

Auch das Internet ist längst kein abgetrennter Raum mehr. Dort wurden 2314 antisemitische Vorfälle erfasst. Morddrohungen, Beschimpfungen und Bilder von Gaskammern erreichen Betroffene zu Hause, auf dem Mobiltelefon und manchmal rund um die Uhr. Wer solche Angriffe als bloße Pöbelei abtut, verkennt ihre Absicht. Sie sollen einschüchtern, vertreiben und zum Schweigen bringen.

Der Hass kommt aus mehreren Richtungen

Es wäre unehrlich, Antisemitismus nur dort zu suchen, wo er politisch gerade in die eigene Argumentation passt. Rechtsextreme verbreiten weiterhin nationalsozialistische Bilder, Verschwörungserzählungen und offene Vernichtungsfantasien. RIAS registrierte 807 Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund, deutlich mehr als im Vorjahr.

Gleichzeitig hat sich Israelhass in Teilen der radikalen Linken zu einer gesellschaftlich akzeptierten Sprache entwickelt. Dort wird nicht von Juden gesprochen, sondern von „Zionisten“. Nicht die Schoa wird offen verherrlicht, sondern Israel zum Inbegriff des Bösen erklärt. Die Begriffe ändern sich, doch das Ziel bleibt oft dasselbe: Juden sollen sich rechtfertigen, distanzieren oder unsichtbar machen.

Auch islamistischer und arabisch-nationalistischer Antisemitismus gehört zur deutschen Wirklichkeit. Wer ihn aus Angst vor politischen Auseinandersetzungen verschweigt, schützt nicht Minderheiten, sondern überlässt jüdische Menschen jenen Kräften, die offen die Vernichtung Israels verherrlichen. Gleichzeitig darf dieser Antisemitismus niemals dazu benutzt werden, rechtsextremen Hass kleinzureden. Beide Formen bedrohen jüdisches Leben, und beide müssen ohne Ausflüchte benannt werden.

Bei vielen Vorfällen ließ sich der politische Hintergrund nicht eindeutig feststellen. Das ändert nichts am Ergebnis. Judenhass ist kein Problem eines einzelnen Milieus. Er hat sich in sehr unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft festgesetzt und findet immer neue Rechtfertigungen.

Natürlich erfassen Meldestellen nicht jeden Vorfall. Die Zahlen sind keine vollständige Abbildung der Wirklichkeit. Viele Betroffene melden Angriffe nicht, weil sie sich davon keine Folgen versprechen, den Aufwand scheuen oder bereits schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht haben. Die tatsächliche Zahl dürfte daher höher liegen.

Deutschland kann sich auch nicht damit beruhigen, möglicherweise besser zu dokumentieren als andere Länder. Gute Meldestrukturen sind notwendig, aber sie erzeugen keine Beleidigungen, keine Angriffe und keine Morddrohungen. Sie machen nur sichtbar, was bereits da ist.

Der eigentliche Skandal ist deshalb nicht allein die Zahl 8725. Der Skandal liegt darin, dass dieser Zustand langsam als normal hingenommen wird. Polizeiwagen vor Synagogen gehören zum Straßenbild. Zugangskontrollen vor jüdischen Veranstaltungen gelten als selbstverständlich. Jüdische Eltern erklären ihren Kindern früh, wann sie besser nicht offen zeigen sollten, wer sie sind.

Ein Land, das jüdisches Leben nur hinter Absperrgittern schützen kann, darf sich nicht mit Sonntagsreden zufriedengeben.

Deutschland erinnert ausführlich an ermordete Juden. Die moralische Prüfung besteht jedoch im Schutz der lebenden. Sie findet nicht allein an Gedenkstätten statt, sondern auf Schulhöfen, in Universitäten, in Redaktionen, in Gerichten, auf Demonstrationen und in sozialen Netzwerken.

Dort entscheidet sich, ob „Nie wieder“ eine Verpflichtung ist oder nur ein Satz, den Deutschland besonders gut auswendig gelernt hat.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 30. Juli 2026

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