Liebe Leserinnen und Leser,
haOlam.de wird privat betrieben – ohne Verlag, ohne Unterstützung durch Institutionen. Damit wir unsere Arbeit auch 2026 fortführen können, möchten wir bis Jahresende mindestens 6.000 Euro erreichen, ideal wären 10.000 Euro. Jeder Beitrag hilft – auch kleine Beträge machen einen Unterschied.

Teherans Todesliste: Das Regime nimmt Merz ins Visier


Eine Zeitung des iranischen Machtapparats zeigt Friedrich Merz, Donald Trump und Benjamin Netanjahu als Todeskandidaten. Die Grafik ist keine schrille Randmeinung, sondern Teil einer offen verbreiteten Rachekampagne.

haOlam-News.de - Nachrichten aus Israel, Deutschland und der Welt.

Eine iranische Zeitung hat eine Grafik veröffentlicht, die wie eine internationale Todesliste aufgebaut ist. Bundeskanzler Friedrich Merz wird darin gemeinsam mit Regierungsmitgliedern, Militärführern und Diplomaten aus Israel, den Vereinigten Staaten und Europa in orangefarbener Häftlingskleidung dargestellt. Über den Abgebildeten steht auf Persisch die Botschaft: „Rache ist unvermeidlich.“ Ein weiterer Satz kündigt sinngemäß an, die als „Verbrecher“ bezeichneten Politiker würden den Wunsch nach einem friedlichen Tod mit ins Grab nehmen.

Besonders hervorgehoben sind US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Auf ihren Köpfen liegen Fadenkreuze. Daneben erscheinen unter anderem Israels Verteidigungsminister Israel Katz, Außenminister Gideon Sa'ar und Generalstabschef Ejal Zamir. Auf amerikanischer Seite werden Außenminister Marco Rubio, Verteidigungsminister Pete Hegseth, der Kommandeur des Zentralkommandos Brad Cooper und der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, gezeigt. Zu den europäischen Zielen gehören neben Merz auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der britische Premierminister Keir Starmer und Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni.

Die Darstellung stammt von „Hamshahri“. Das ist keine verbotene Untergrundseite und kein anonymer Kanal am Rand des iranischen Internets. Die Zeitung gehört der Stadtverwaltung von Teheran und ist damit unmittelbar in staatlich kontrollierte Strukturen eingebunden. Zeitweise wurde sie von Mohammad Bagher Ghalibaf geführt, dem heutigen Präsidenten des iranischen Parlaments und einem der einflussreichsten Vertreter des Regimes. Die Veröffentlichung kann deshalb nicht als private Entgleisung eines einzelnen Redakteurs abgetan werden.

Der Aufruf kommt nicht aus dem Nichts

Die Grafik erschien in einem politischen Umfeld, in dem die iranische Führung Rache nicht nur verspricht, sondern als religiöse und nationale Pflicht beschreibt. Modschtaba Chameini, der seinem getöteten Vater Ali Chameini an der Spitze des Regimes folgte, erklärte in einer schriftlichen Botschaft, die Vergeltung sei eine Forderung der Nation und müsse unbedingt erfolgen. Dabei richtete er sich nicht allein an staatliche Organe. Nach veröffentlichten Übersetzungen kündigte er an, Menschen außerhalb Irans könnten jeweils einen Teil dieser „göttlichen Mission“ übernehmen.

Dieser Zusammenhang macht die Veröffentlichung so gefährlich. Ein Bild mit Gefangenenanzügen und Fadenkreuzen könnte für sich genommen als Propaganda bewertet werden. Wird es jedoch mit der Aufforderung verbunden, Unterstützer in aller Welt sollten Vergeltung üben, entsteht daraus eine Botschaft an mögliche Einzeltäter und Helfer. Sie müssen keinen schriftlichen Befehl erhalten. Ihnen wird gezeigt, wer als Feind gilt, und zugleich vermittelt, Gewalt gegen diese Personen sei eine ehrenvolle Tat.

Es gibt bislang keinen öffentlich bekannten Beleg dafür, dass die abgebildeten Namen Bestandteil eines konkreten iranischen Anschlagsplans sind. Das muss klar benannt werden. Ebenso falsch wäre es jedoch, die Darstellung als bedeutungslose Kriegsrhetorik zu verharmlosen. Iranische Nachrichtendienste haben nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden wiederholt Gegner des Regimes sowie jüdische und israelische Ziele in Deutschland ausgeforscht. Der Verfassungsschutzbericht für 2025 hält ausdrücklich fest, dass proisraelische und jüdische Einrichtungen weiterhin zum Zielspektrum Teherans gehören.

Erst im Mai erhob die Bundesanwaltschaft Anklage in einem Fall, in dem ein mutmaßlicher Helfer der iranischen Al-Kuds-Einheit Informationen über führende Vertreter jüdischer und proisraelischer Organisationen gesammelt haben soll. Nach Angaben der Ermittler ging es nicht nur um Beobachtung. Vorwürfe wegen versuchter Beteiligung an Mord und der Vorbereitung von Brandanschlägen gehören ebenfalls zum Verfahren. Das beweist keine Verbindung zur aktuellen Grafik. Es zeigt aber, weshalb staatlich verbreitete Todesbotschaften aus Teheran in Deutschland ernst genommen werden müssen.

Merz wurde zum Feind erklärt, weil er das Regime beim Namen nannte

Dass Friedrich Merz in die Reihe aufgenommen wurde, ist politisch nachvollziehbar. Während der großen Proteste im Januar erklärte der Bundeskanzler, ein Regime, das sich nur noch mit Gewalt an der Macht halten könne, sei faktisch am Ende. Er rechnete damals damit, dass die Führung in Teheran nur noch ihre letzten Tage oder Wochen erleben könnte. Die Aussage fiel zu einem Zeitpunkt, als iranische Sicherheitskräfte mit massiver Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vorgingen.

Nach Beginn des Iran-Krieges verschärfte Merz seine Sprache. Am 1. März bezeichnete er die Führung in Teheran ausdrücklich als Terrorregime. Er machte sie für die jahrzehntelange Unterdrückung des iranischen Volkes, die existenzielle Bedrohung Israels sowie die Unterstützung von Hamas und Hisbollah verantwortlich. Zugleich kündigte er einen verstärkten Schutz jüdischer, israelischer und amerikanischer Einrichtungen in Deutschland an.

Merz hat das iranische Volk dabei nicht angegriffen. Er hat zwischen den Menschen im Land und jenen unterschieden, die sie unterdrücken. Genau diese Trennung versucht das Regime seit Jahren zu verwischen. Wer die Herrschaft der Mullahs kritisiert, wird als Feind Irans bezeichnet. Wer die Freiheit der Bevölkerung fordert, gilt als ausländischer Verschwörer. Wer Israels Existenz verteidigt, wird zum angeblichen Kriegsverbrecher erklärt.

Die Aufnahme des deutschen Bundeskanzlers in eine solche Darstellung ist deshalb auch eine Botschaft an Europa. Teheran will deutlich machen, dass nicht nur israelische und amerikanische Entscheidungsträger als Ziele der Rache gelten. Auch europäische Regierungschefs, die das Regime offen kritisieren, sollen eingeschüchtert werden. Deutschland soll lernen, dass klare Worte einen Preis haben.

Gerade jetzt wäre Schweigen die falsche Reaktion. Die Bundesregierung muss die Veröffentlichung öffentlich verurteilen, eine eindeutige Erklärung von den iranischen Vertretern verlangen und prüfen, welche zusätzlichen Schutzmaßnahmen erforderlich sind. Dabei geht es nicht nur um Friedrich Merz. Eine vom Machtapparat verbreitete Liste westlicher Politiker ist ein Angriff auf staatliche Souveränität und auf die Freiheit demokratischer Entscheidungen.

Ebenso muss Europa endlich aufhören, iranische Drohpropaganda und iranische Auslandstätigkeit getrennt voneinander zu betrachten. Erst werden Gegner als Verräter, Zionisten oder Verbrecher markiert. Dann werden ihre Namen und Gesichter verbreitet. Später tauchen Beobachter, Mittelsmänner oder angeheuerte Kriminelle auf. Nicht jede Drohung führt zu einer Tat. Doch fast jede Tat beginnt mit der politischen Entmenschlichung des vorgesehenen Opfers.

Die westlichen Regierungen warnten bereits 2025 gemeinsam vor iranischen Plänen für Entführungen, Einschüchterungen und Tötungen in Europa und Nordamerika. Deutschland gehörte zu den Unterzeichnern. Die aktuelle Grafik bestätigt, dass sich die Sprache des Regimes nicht gemäßigt hat. Sie ist offener, persönlicher und bedrohlicher geworden.

Dabei darf ein entscheidender Unterschied nicht verloren gehen: Nicht „die Iraner“ bedrohen Merz, Netanjahu oder Trump. Millionen Menschen im Iran haben selbst unter dieser Herrschaft gelitten, Familienangehörige verloren, Gefängnis, Folter und Verfolgung erlebt. Die Drohung geht von einem Regime und seinen Medien aus, das die eigene Bevölkerung zum Schweigen bringt und zugleich Menschen im Ausland zu Feinden erklärt.

Israel kennt diese Sprache seit Jahrzehnten. Neu ist, wie selbstverständlich Teheran inzwischen auch europäische Regierungschefs in seine Rachebilder einfügt. Wer diese Entwicklung weiterhin als fernes Problem Israels behandelt, weigert sich, die Botschaft zu verstehen. Das Regime hat die Adressaten selbst ausgewählt. Friedrich Merz gehört nun sichtbar dazu.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 12. Juli 2026

Unterstütze unser Projekt


Newsletter