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Wenn jüdische Stimmen zum Verdachtsfall werden


Eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung beschreibt pro-israelische Akteure als Einflussnetz. Die Jüdische Allgemeine sieht darin einen Angriff auf jüdische und pro-israelische Organisationen.

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Es gibt Veröffentlichungen, die sich als Analyse ausgeben und dennoch vor allem eines leisten: Sie verschieben den Verdacht. Nicht mehr der Gegenstand der Debatte steht im Mittelpunkt, sondern diejenigen, die ihn kritisch betrachten. Genau diesen Eindruck hinterlässt die neue Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung über UNRWA und das palästinensische Rückkehrrecht in Deutschland.

Das Papier trägt den Titel „Die Kampagne gegen das UNRWA und das palästinensische Rückkehrrecht in Deutschland. Israel-nahe Akteur*innen, Narrative und ihre politische Resonanz“. Schon diese Überschrift setzt den Rahmen. Es geht nicht zuerst um die offenen Fragen rund um UNRWA, nicht um Mitarbeiter mit Hamas-Bezügen, nicht um Schulmaterialien, nicht um Neutralität, nicht um deutsche Steuergelder und auch nicht um die politische Rolle des sogenannten Rückkehrrechts. Es geht zuerst um jene, die diese Fragen stellen.

Damit wird aus einer Sachdebatte ein Verdachtsraum. Wer UNRWA kritisiert, erscheint in der Logik dieser Veröffentlichung nicht einfach als Journalist, Bürger, jüdische Institution, Abgeordneter oder Antisemitismusbeauftragter mit eigener Überzeugung. Er wird in ein Modell eingeordnet. Aus Haltung wird „Advocacy“. Aus Kritik wird „Narrativ“. Aus Medienarbeit wird „Verstärkung“. Aus jüdischer und pro-israelischer Selbstbehauptung wird ein angebliches Einflussgefüge.

Genau deshalb ist die Reaktion der Jüdischen Allgemeinen so wichtig. Die Zeitung, die selbst in der Studie erwähnt wird, sieht in der Veröffentlichung eine pauschale Darstellung jüdischer und pro-israelischer Organisationen als Sprachrohre der Regierung in Jerusalem. Sie beschreibt, dass die Studie Organisationen, Medien und Institutionen in einen Zusammenhang stellt, in dem pro-israelische Kritik an UNRWA nicht mehr zuerst als Argument erscheint, sondern als Teil einer größeren Kampagne.

Das ist kein Nebenaspekt. Es ist der Kern des Problems. Denn die Jüdische Allgemeine ist nicht irgendein außenstehender Beobachter. Sie ist selbst Gegenstand der Einordnung. Laut der Studie spiele sie eine Rolle bei der Verbreitung und Verfestigung von Positionen, die mit denen des Zentralrats der Juden in Deutschland übereinstimmten. Das Papier beschreibt sie sogar als ein wichtiges Forum, das politischen Eliten und Mainstream-Medien einen vermeintlichen Konsens jüdischer Institutionen signalisiere.

Man muss diesen Satz langsam lesen. Eine jüdische Zeitung berichtet über Israel, Antisemitismus, UNRWA und die Haltung jüdischer Institutionen in Deutschland. Daraus wird in der Studie ein Baustein politischer Wirkung. Nicht mehr die Inhalte stehen im Vordergrund, sondern ihre angebliche Funktion. Genau so entsteht Delegitimierung. Nicht durch ein Verbot, nicht durch Zensur, nicht durch einen offenen Maulkorb. Sondern durch ein Raster, das Stimmen nicht mehr zuerst als Stimmen behandelt, sondern als Rollen in einer Einflussstruktur.

Die Veröffentlichung arbeitet mit Begriffen wie „Diskursproduzentinnen“, „Übersetzerinnen“, „Normengestalterinnen“ und „Medienverstärkerinnen“. In dieses Raster geraten UN Watch, NGO Monitor, IMPACT-SE, ELNET, die Deutsch-Israelische Gesellschaft, MFFB, NAFFO, der Zentralrat der Juden, die Amadeu-Antonio-Stiftung, die WerteInitiative, WELT und BILD. Schon das Inhaltsverzeichnis zeigt, wie breit das Netz gezogen wird.

Das ist politisch brisant, weil hier nicht nur einzelne Thesen überprüft werden. Hier wird ein ganzes Umfeld vermessen. Jüdische Institutionen, pro-israelische Organisationen, Medien und Akteure der Antisemitismusprävention erscheinen nicht mehr als Teil einer offenen demokratischen Debatte, sondern als Elemente einer angeblich zusammenwirkenden Struktur.

Dabei wäre die eigentliche Debatte über UNRWA dringend nötig. Deutschland hat in den vergangenen Jahren erhebliche Summen an das Hilfswerk gezahlt. Gleichzeitig steht UNRWA seit langem unter schwerem Druck. Nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 wurden Vorwürfe gegen Mitarbeiter der Organisation laut. Die Jüdische Allgemeine verweist darauf, dass UNRWA im Juni 70 Mitarbeiter in Gaza entließ und dass die Vorwürfe gegen die Organisation politisch keineswegs erledigt sind.

Man kann humanitäre Hilfe für Palästinenser für notwendig halten und trotzdem fragen, ob UNRWA die richtige Struktur ist. Man kann Mitgefühl mit Zivilisten in Gaza haben und trotzdem sehen, dass Hamas Verantwortung trägt. Man kann internationale Organisationen achten und zugleich kritisieren, wenn sie in einem Terrorumfeld ihre Neutralität nicht glaubwürdig sichern. Man kann über das Rückkehrrecht sprechen, ohne Israels demografische und sicherheitspolitische Existenzfragen als bloße Propaganda abzutun.

Doch die Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung geht einen anderen Weg. Sie legt den Schwerpunkt auf jene, die UNRWA kritisch sehen. Auf die Frage, ob die gegen UNRWA erhobenen Vorwürfe berechtigt sind, gehe das Papier nach Darstellung der Jüdischen Allgemeinen nur am Rande ein. Stattdessen analysiere es ausführlich die angeblichen Methoden der von ihm kritisch betrachteten Akteure gegenüber politischen Entscheidungsträgern.

Das ist der entscheidende Perspektivwechsel. Nicht UNRWA muss sich erklären, sondern seine Kritiker. Nicht die Vorwürfe gegen das Hilfswerk stehen im Zentrum, sondern jene, die diese Vorwürfe öffentlich machen. Nicht die deutsche Finanzierung einer umstrittenen UN-Organisation wird zuerst geprüft, sondern die politische Wirkung jener Stimmen, die diese Finanzierung infrage stellen.

So entsteht ein gefährlicher Mechanismus. Die Studie muss nicht ausdrücklich behaupten, jüdische oder pro-israelische Stimmen seien von Israel bezahlt. Sie muss nicht behaupten, Medien handelten auf Weisung einer fremden Regierung. Es reicht, dauerhaft von Netzwerken, Geldflüssen, Koordination, Advocacy, politischer Resonanz und medialer Verstärkung zu sprechen. In der öffentlichen Debatte wird daraus sehr schnell das bekannte Gift: „Hasbara“, „Lobby“, „gekauft“, „Sprachrohr Israels“.

Genau diese Begriffe widerlegen nichts. Sie beschmutzen. Sie stellen Menschen und Institutionen unter Rechtfertigungsdruck, bevor überhaupt über ihre Argumente gesprochen wurde.

Besonders auffällig ist dabei der Maßstab. Die Studie spricht über Transparenz, politische Einflussnahme und öffentliche Mittel. Gleichzeitig erscheint sie selbst im Auftrag einer parteinahen Stiftung. Herausgeberin ist die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Der Autor Alon Sahar wird als unabhängiger Forscher, Strategieberater und Filmemacher vorgestellt. Zugleich nennt die Veröffentlichung seine Mitarbeit an Forschungsprojekten mit Breaking the Silence und B’Tselem sowie seine Rolle als Gründungsherausgeber des Staatsräson Monitor. Auch das muss man nicht skandalisieren. Aber wer andere auf Netzwerke, Verflechtungen und politische Nähe hin untersucht, muss sich gefallen lassen, dass auch die eigene Verortung betrachtet wird.

Die Jüdische Allgemeine weist außerdem darauf hin, dass die Rosa-Luxemburg-Stiftung öffentliche Mittel erhält. Auch hier gilt: Das ist für sich genommen kein Makel. Politische Stiftungen arbeiten in Deutschland mit öffentlichen Geldern. Aber wenn eine solche Stiftung eine Studie veröffentlicht, die bei anderen Akteuren öffentliche Förderung, institutionellen Zugang und politische Wirkung problematisiert, dann stellt sich die Frage nach gleichen Maßstäben. Wer Transparenz fordert, darf nicht so tun, als stünde die eigene politische Intervention außerhalb politischer Zusammenhänge.

Noch problematischer wird es, wenn solche Deutungen in größere Medienräume wandern. Die Jüdische Allgemeine kritisiert, dass auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Veröffentlichung wohlwollend aufgegriffen habe. Dort werde der Eindruck verstärkt, mehrere Organisationen hätten seit Jahren an der Schwächung von UNRWA gearbeitet. Genau daran sieht man, warum diese Studie Wirkung entfalten kann. Sie bleibt nicht im Raum einer parteinahen Stiftung. Sie liefert Begriffe und Deutungen, die anschließend in bürgerliche Medien, politische Gespräche und soziale Netzwerke wandern können.

Für pro-israelische Medien, jüdische Stimmen und Initiativen gegen Antisemitismus ist das kein theoretisches Problem. Sie erleben seit Jahren, wie schnell aus Israel-Solidarität ein Verdacht gemacht wird. Wer Hamas benennt, wird als einseitig abgewertet. Wer UNRWA kritisch sieht, soll sich plötzlich für seine angeblichen Verbindungen erklären. Wer Israels Sicherheit verteidigt, hört schnell, er klinge wie ein Sprecher der israelischen Regierung. Wer jüdisches Leben schützt, wird mit dem Vorwurf konfrontiert, israelische Politik zu decken.

Das ist keine faire Debatte. Das ist eine Methode der Verschiebung. Das Argument wird nicht widerlegt. Der Sprecher wird verdächtig gemacht.

Pro-israelisch heißt nicht bezahlt. Pro-israelisch heißt nicht fremdgesteuert. Pro-israelisch heißt nicht, jede israelische Regierung für fehlerlos zu halten. Es heißt, Israels Existenzrecht ernst zu nehmen. Es heißt, jüdische Sicherheit nicht als lästige Fußnote deutscher Außenpolitik zu behandeln. Es heißt, den 7. Oktober nicht aus der Geschichte herauszulösen. Es heißt, Hamas nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Und es heißt auch, UNRWA nicht deshalb vor Kritik zu schützen, weil diese Kritik politisch unbequem ist.

Wir unterstellen weder geheime Absprachen noch persönliche Unredlichkeit. Wir kritisieren den Deutungsrahmen dieser Veröffentlichung und ihre Wirkung auf die Debatte über pro-israelische und jüdische Stimmen in Deutschland. Genau das ist der entscheidende Punkt: Wer Israel verteidigt, soll künftig nicht nur argumentieren, sondern sich erklären. Wer UNRWA kritisiert, soll nicht nur Belege vorlegen, sondern seine angeblichen Netzwerke offenlegen. Wer gegen Antisemitismus arbeitet, soll sich fragen lassen, ob er nicht selbst Teil einer politischen Normsetzung sei.

Das wirkt wie ein Großangriff auf die Glaubwürdigkeit pro-israelischer Stimmen. Nicht mit Verboten. Nicht mit Zensur. Sondern mit einem Verdachtsraster, das jüdische und pro-israelische Stimmen von Anfang an anders behandelt als andere politische Stimmen.

Man muss diese Studie deshalb ernst nehmen. Nicht, weil sie überzeugt. Sondern weil sie zeigt, wohin ein Teil der Debatte will: weg von der Sache, hin zur Vermessung derjenigen, die Israel nicht fallen lassen.

Die Jüdische Allgemeine hat nun deutlich gemacht, wie dieses Raster bei einer betroffenen jüdischen Zeitung ankommt. Das sollte in Deutschland alarmieren. Denn wer jüdische Stimmen, pro-israelische Organisationen und Antisemitismusarbeit in ein Geflecht aus Einfluss, Wiederholung und politischer Nutzbarkeit einordnet, darf sich nicht wundern, wenn genau diese Stimmen widersprechen.

Unsere Haltung ist nicht geliehen. Unsere Stimme ist nicht käuflich. Unsere Solidarität mit Israel braucht keine Genehmigung von jenen, die UNRWA lieber gegen seine Kritiker verteidigen, als die offenen Fragen zur Organisation ernsthaft zu beantworten. Wer unsere Argumente widerlegen will, soll es tun. Aber wer uns erst in ein Einflussnetz einsortiert, bevor er über Fakten spricht, hat die offene Debatte bereits verlassen.

Autor: Samuel Benning

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 7. Juli 2026

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