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Stolpersteine für Gaza missbraucht: Berlin lässt Shoah-Gedenken zur Israel-Anklage werden


Beim Festival „48 Stunden Neukölln“ sollen Gaza-Texte entlang von Stolpersteinen inszeniert werden. Der offene Brief der WerteInitiative legt den Finger auf den Skandal: Aus Gedenken an ermordete Juden wird eine Bühne gegen Israel.

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In Berlin-Neukölln soll an diesem Wochenende eine Kunstaktion stattfinden, die nicht einfach provoziert, sondern das Gedenken an die ermordeten Juden dieser Stadt politisch umdeutet. Unter dem Titel „Walking The Gaza Monologues“ ist beim Festival „48 Stunden Neukölln“ ein audiogeführter Rundgang des Ashtar Theatre aus Ramallah angekündigt. Die Texte über Gaza sollen entlang von Stolpersteinen inszeniert werden. Also ausgerechnet dort, wo Berlin an Menschen erinnert, die von Deutschen entrechtet, aus ihren Wohnungen geholt, deportiert und ermordet wurden.

Das ist keine sensible Erinnerungskunst. Das ist eine bewusste Grenzüberschreitung.

Stolpersteine sind keine beliebige Stadtdekoration. Sie sind kein atmosphärisches Pflaster für politische Gegenwartsbotschaften. Jeder dieser Steine steht für einen Menschen, für einen Namen, für eine Adresse, für ein ausgelöschtes jüdisches Leben. Sie erinnern nicht allgemein an Leid, Krieg oder Vertreibung. Sie erinnern an die Shoah, an deutsche Täter, an jüdische Opfer und an eine Stadt, die ihre Nachbarn nicht schützen wollte. Wer diese Orte benutzt, um den Krieg Israels gegen die Hamas mit einer Erzählung über Gaza zusammenzuziehen, greift in das empfindlichste Gedächtnis dieses Landes ein.

Die WerteInitiative e.V. hat diese Aktion in einem offenen Brief scharf kritisiert. Zu Recht. Denn der Kern des Problems liegt nicht erst in der Wirkung, sondern bereits in der Anlage des Projekts. Die Festivalbeschreibung führt den Rundgang ausdrücklich entlang von Stolpersteinen. Dabei wird nicht nur ein Ort gewählt, der historisch schwer belastet ist. Es wird eine Verbindung hergestellt, die politisch gewollt ist. Gaza wird an den Gedenkorten der von Deutschen ermordeten Juden erzählt. Damit wird der Ort der Erinnerung verschoben: Weg von den jüdischen Opfern der Shoah, hin zu einer Anklage gegen Israel.

Genau darin liegt die Täter-Opfer-Umkehr. Die Nachfahren der Ermordeten und der jüdische Staat werden in den moralischen Schatten der deutschen Vernichtungsgeschichte gestellt. Aus dem Gedenken an jüdische Opfer wird eine Bühne, auf der Israel als Täterstaat markiert werden soll. Wer das für mutige Kunst hält, hat den Sinn der Stolpersteine nicht verstanden oder will ihn bewusst verbiegen.

Natürlich kann Kunst über Gaza sprechen. Natürlich können palästinensische Stimmen gehört werden. Niemand verlangt, dass Leid unsichtbar gemacht wird. Aber die Frage lautet, wo und wie dieses Leid erzählt wird. Wer ausgerechnet Stolpersteine als Route wählt, entscheidet sich nicht für irgendeinen öffentlichen Raum. Er entscheidet sich für Orte jüdischer Ermordungserinnerung. Diese Entscheidung ist nicht neutral. Sie macht das Gedenken an ermordete Juden zur Bühne einer Anklage gegen Israel.

Berlin lebt seit Jahrzehnten von dem Anspruch, aus der Geschichte gelernt zu haben. Politiker reden vom Schutz jüdischen Lebens. Kulturinstitutionen schmücken sich mit Erinnerung, Verantwortung und Haltung. Doch wenn es konkret wird, wenn jüdische Stimmen sagen: Hier wird unser Gedenken benutzt, hier werden unsere Toten zum Material einer Israel-Anklage gemacht, dann wird oft plötzlich geschwiegen, ausgewichen oder auf Kunstfreiheit verwiesen.

Kunstfreiheit schützt vor staatlichem Verbot. Sie ist aber kein Freifahrtschein für moralische Verwahrlosung. Ein Festival muss nicht alles zeigen, was rechtlich erlaubt ist. Öffentliche Förderer müssen nicht alles finanzieren, was sich Kunst nennt. Und ein Berliner Bezirk darf sich nicht hinter Kuratorenfloskeln verstecken, wenn ein Projekt das Shoah-Gedenken in eine politische Kulisse gegen Israel verwandelt.

Der Verweis auf Legalität reicht nicht. Vieles kann legal sein und trotzdem beschämend. Legalität beantwortet nicht die Frage, ob ein öffentlich gefördertes Festival Gedenkorte an ermordete Juden für eine Inszenierung nutzen sollte, die den jüdischen Staat in den Kontext eines angeblichen neuen Völkermords stellt. Diese Frage ist keine juristische Spitzfindigkeit. Sie ist eine Frage des Anstands.

Gerade in Deutschland hat diese Grenze besonderes Gewicht. Hier wurden Juden nicht symbolisch verfolgt. Sie wurden registriert, entrechtet, verschleppt, beraubt und ermordet. Die Stolpersteine erinnern nicht an eine abstrakte Menschheitstragödie, sondern an konkrete deutsche Verbrechen. Wer diese Steine nun als Wegmarken für Gaza-Texte nutzt, löst sie aus ihrer historischen Eindeutigkeit. Er macht aus Gedenken eine politische Projektionsfläche.

Das ist nicht Erinnerung. Das ist Aneignung.

Der Berliner Kulturbetrieb muss sich fragen lassen, warum solche Projekte immer wieder dort landen, wo jüdische Empfindlichkeit scheinbar als künstlerische Herausforderung gilt. Warum wird ausgerechnet das Gedenken an ermordete Juden zur Bühne für israelbezogene Anklagen? Warum findet man für Gaza keine anderen Orte, keine anderen Räume, keine andere Form? Warum muss das Gedenken an deutsche Schuld offenbar erneut gegen Juden von heute gewendet werden?

Die Antwort ist unbequem: Weil israelbezogener Antisemitismus in Teilen des Kulturbetriebs längst als Diskursformat durchgeht. Er kommt nicht immer brüllend daher. Er kommt kuratiert, gefördert, akademisch gerahmt und moralisch aufgeladen. Er spricht von Menschenrechten, Erinnerung und Stimmen der Unterdrückten. Doch in der Wirkung steht am Ende wieder der jüdische Staat als besonderer Täter da, und jüdische Erinnerung wird zu Material einer politischen Anklage.

Das macht den offenen Brief der WerteInitiative so wichtig. Er benennt, was viele lieber vernebeln würden. Diese Aktion ist keine harmlose künstlerische Überlagerung. Sie trifft eine offene Wunde jüdischen Lebens in Deutschland. Sie benutzt die Toten, die sich nicht wehren können, um eine Gegenwartsbotschaft gegen Israel zu verstärken.

Die Forderung nach Absage ist deshalb keine Zensur. Sie ist ein notwendiger Einspruch gegen die Entwürdigung von Gedenkorten. Niemand hindert das Ashtar Theatre daran, Texte über Gaza aufzuführen. Niemand verbietet ein Festivalprogramm über palästinensische Perspektiven. Aber Stolpersteine sind der falsche Ort. Wer das nicht erkennt, sollte in Berlin kein öffentlich gefördertes Erinnerungsprojekt verantworten.

Die Veranstalter von „48 Stunden Neukölln“ müssen erklären, warum sie diese Route zugelassen haben. Die öffentlichen Förderer müssen erklären, ob sie geprüft haben, was hier tatsächlich gefördert wird. Und die Politik in Neukölln und im Land Berlin muss endlich sagen, ob sie jüdisches Gedenken nur in Sonntagsreden schützt oder auch dann, wenn der Kulturbetrieb es für Israel-Anklagen vernutzt.

Achtzig Jahre nach der Shoah ist es unerträglich, dass in Berlin Gedenksteine für ermordete Juden als Bühne für eine Erzählung dienen sollen, die Israel moralisch neben die Tätergeschichte stellt. Wer so etwas durchwinkt, hat das Problem nicht missverstanden. Er hat entschieden, dass der Protest gegen Israel schwerer wiegt als der Schutz des jüdischen Gedenkens.

Stolpersteine gehören den Ermordeten, ihren Familien und der Erinnerung an deutsche Schuld. Sie gehören nicht einem Festival, nicht einer politischen Kampagne und nicht einem Theaterprojekt, das Gaza ausgerechnet dort inszenieren will, wo jüdische Nachbarn zuletzt frei gelebt haben.

Berlin sollte diese Aktion absagen. Nicht, weil Kunst keine Grenzen ausloten darf. Sondern weil manche Grenzen nicht aus Mut überschritten werden, sondern aus Kälte.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 3. Juli 2026

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