Queere Freiheit verteidigen und Israels Feinde verharmlosen: Der irre Widerspruch der westlichen Linken
Brianna Wu beschreibt aus Israel, was viele in den USA und Europa nicht sehen wollen: Wer Hamas, Iran oder Hisbollah verharmlost, stellt sich an die Seite jener Kräfte, die queere Menschen, Frauen und Juden verachten.

Es ist einer der absurdesten Widersprüche unserer Zeit: Menschen, die im Westen unter dem Schutz liberaler Demokratien für queere Rechte, Frauenrechte und Minderheitenschutz kämpfen, stellen sich im Nahostkonflikt immer wieder an die Seite von Kräften, die genau diese Rechte verachten. Sie nennen es Solidarität. In Wahrheit ist es eine politische Selbsttäuschung, die nur funktioniert, weil sie aus sicherer Entfernung betrieben wird. Wer in Berlin, London, New York, Paris oder Rom Hamas-Parolen duldet, Iran verharmlost oder Hisbollah als „Widerstand“ verklärt, muss sich eine einfache Frage gefallen lassen: Wie frei wäre man selbst unter jenen, die man da entschuldigt?
Die amerikanische Demokratin Brianna Wu hat diesen Widerspruch in einem Beitrag für die Jerusalem Post ungewöhnlich offen beschrieben. Wu ist Transfrau, nicht jüdisch und politisch links verortet. Gerade deshalb ist ihre Beobachtung so unbequem. Sie schildert, wie sie bei Israel-Reisen Raketenwarnungen und Schutzräume erlebte, während Menschen in ihrer eigenen politischen Umgebung Schwierigkeiten hätten, iranisch unterstützte islamistische Angriffe auf israelische Zivilisten überhaupt als das zu erkennen, was sie sind: Angriffe auf einen demokratischen Staat und auf Menschen, die leben wollen. Ihr Satz, Israels Feinde seien auch ihre Feinde, müsste eigentlich selbstverständlich sein. Heute wirkt er fast wie ein Tabubruch.
Denn das Problem betrifft längst nicht nur die USA. Auch in Europa hat sich in Teilen linker, queerer und vermeintlich antirassistischer Milieus eine gefährliche Verwechslung breitgemacht. Antiisraelische Parolen werden als Befreiungssprache verkauft, obwohl sie häufig bei der Dämonisierung des jüdischen Staates enden. Islamistische Akteure werden als Ausdruck antikolonialer Gegenmacht verklärt, obwohl sie in ihren eigenen Herrschaftsräumen Frauen unterdrücken, Andersdenkende verfolgen, Juden hassen und queere Menschen nicht schützen, sondern bedrohen. Das ist kein Missverständnis am Rand. Es ist ein Bruch im moralischen Koordinatensystem.
Israel ist nicht perfekt. Kein demokratischer Staat ist das. Israel streitet hart, politisch, religiös, gesellschaftlich und juristisch. Aber Israel ist in der Region der deutlichste Gegenentwurf zu den Kräften, die es vernichten wollen. Queere Menschen können in Israel sichtbar leben, demonstrieren, klagen, arbeiten, wählen, Familien gründen, in der Armee dienen und Schutz durch Gerichte einfordern. Das macht Israel nicht frei von Problemen, aber es macht den Unterschied zu Iran, Hamas-Gaza, den Huthi oder der Hisbollah-Welt unübersehbar. In Iran werden gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert und können mit der Todesstrafe bedroht sein. Human Dignity Trust führt Iran als Land, das LGBT-Menschen kriminalisiert und für gleichgeschlechtliche Handlungen die Todesstrafe vorsieht.
Wer diesen Unterschied ausblendet, betreibt keine Menschenrechtspolitik. Er macht Menschenrechte zur Kulisse für Israelhass. Denn wenn eine queere Bewegung ausgerechnet den einzigen Staat der Region dämonisiert, in dem queere Menschen vergleichsweise offen leben können, während sie über islamistische Unterdrückung schweigt oder diese relativiert, dann verteidigt sie keine Freiheit. Dann verrät sie die eigene Sprache.
Man muss dabei sehr genau unterscheiden. Es geht nicht darum, Muslime pauschal zu verdächtigen. Millionen Muslime leben freiheitlich, demokratisch und friedlich. Viele leiden selbst unter islamistischen Bewegungen, unter religiösem Zwang und unter autoritären Regimen. Der Gegner ist nicht der Islam als Religion und nicht der einzelne muslimische Bürger. Der Gegner ist politischer Islamismus, der Religion zur Herrschaftsideologie macht und daraus Gewalt, Einschüchterung und Entrechtung ableitet. Genau diese Unterscheidung wird im Westen oft verweigert. Aus Angst, als intolerant zu gelten, werden jene Kräfte geschont, die selbst keinerlei Toleranz gegenüber Juden, Frauen, Homosexuellen, Transmenschen oder Oppositionellen zeigen.
Diese Feigheit hat Folgen. Sie sorgt dafür, dass jüdische Gruppen in angeblich inklusiven Räumen plötzlich Bedingungen erfüllen müssen, die für andere Minderheiten nicht gelten. Erst vor wenigen Tagen wurde in Rom die jüdische LGBT-Gruppe Keshet Italia von der Teilnahme mit einem eigenen Wagen an der Pride ausgeschlossen, weil sie sich nicht der politischen Plattform der Veranstalter zur Gaza-Frage unterwarf. Reuters berichtete, die Organisatoren hätten erklärt, die Teilnahme sei offen, ein eigener Wagen setze jedoch die Zustimmung zur politischen Linie voraus. Keshet Italia sprach von einem politischen Loyalitätstest. Genau das ist der Punkt: Ausgerechnet dort, wo Vielfalt gefeiert werden soll, werden Juden zur Distanzierung von Israel gedrängt.
Das Muster ist bekannt. Juden dürfen mitlaufen, solange sie ihre jüdische Identität entpolitisieren. Sie dürfen trauern, aber nicht zu laut. Sie dürfen Angst haben, aber nicht auf Israel verweisen. Sie dürfen queer sein, aber nicht sichtbar zionistisch. Sie dürfen Teil progressiver Bündnisse sein, solange sie den Preis zahlen: Distanz zur jüdischen Selbstbestimmung. Das ist keine Solidarität. Das ist ein Ausschluss mit Regenbogenfarben.
Brianna Wu beschreibt deshalb mehr als einen amerikanischen Parteistreit. Sie beschreibt die Zerrissenheit vieler Menschen, die politisch links stehen, Minderheitenrechte verteidigen und zugleich erkennen, dass ein Teil ihrer eigenen Seite bei Israel, Juden und Islamismus die Maßstäbe verliert. In den USA richtet sich ihr Blick auf die Demokratische Partei. In Europa müsste der Blick auf linke Parteien, Hochschulen, Pride-Strukturen, Kulturmilieus, Aktivistennetzwerke und Medienräume fallen. Auch hier werden Hamas und Iran oft nicht an ihren Taten gemessen, sondern an ihrer Funktion im ideologischen Weltbild: Wer gegen Israel ist, erscheint manchen automatisch als Stimme der Unterdrückten.
Das ist fatal. Hamas ist keine Befreiungsbewegung für queere Menschen. Hisbollah ist keine soziale Gerechtigkeitsbewegung. Die Huthi sind keine antikoloniale Jugendgruppe. Das iranische Regime ist kein Bollwerk gegen westliche Dominanz, sondern eine brutale Machtstruktur, die ihre eigene Bevölkerung kontrolliert und ihre Gewalt in die Region exportiert. Wer solche Kräfte verharmlost, weil sie gegen Israel stehen, zeigt nicht Mitgefühl für Palästinenser. Er zeigt, dass Judenhass und Antiwestlichkeit stärker geworden sind als die angeblich universellen Werte der eigenen Bewegung.
Besonders unerträglich wird der Widerspruch, wenn queere Aktivisten im Westen Israel als Hauptfeind behandeln, während sie über die Lage queerer Menschen unter islamistischer Herrschaft hinwegsehen. Das ist nicht nur politisch falsch, es ist menschlich kalt. Denn die Menschen, die in Iran, Gaza oder anderen autoritären Strukturen tatsächlich gefährdet sind, verschwinden aus dem Bild. Ihre Angst passt nicht in die Parole. Ihre Verfolgung stört die Erzählung. Ihr Wunsch nach Freiheit wird zweitrangig, sobald Israel als Feindbild bedient werden kann.
Genau hier liegt die eigentliche Verantwortung westlicher Linker. Wer Freiheit ernst meint, muss sie auch dann verteidigen, wenn die Täter nicht ins eigene Weltbild passen. Wer Antirassismus ernst meint, darf Antisemitismus nicht als politische Härte tarnen. Wer Feminismus ernst meint, darf islamistische Frauenverachtung nicht mit Kulturrelativismus entschuldigen. Wer queere Rechte ernst meint, darf sich nicht mit Kräften gemein machen, die queere Menschen unterdrücken würden, sobald sie die Macht dazu haben.
Israel fordert keine blinde Zustimmung. Kritik an israelischer Politik ist legitim, auch harte Kritik. Aber zwischen Kritik und Dämonisierung liegt eine Grenze. Diese Grenze wird überschritten, wenn Israel zum einzigartigen Übel erklärt wird, während Hamas, Iran, Hisbollah oder Huthi als verständliche Reaktion erscheinen. Sie wird überschritten, wenn jüdische Gruppen aus Pride-Räumen gedrängt werden. Sie wird überschritten, wenn nach dem 7. Oktober zuerst nach Kontext gesucht wird, bevor man Opfer überhaupt betrauert. Und sie wird überschritten, wenn Menschen, die sich als progressiv verstehen, auf Demonstrationen neben Parolen stehen, die jüdische Selbstbestimmung verneinen.
Brianna Wu trifft einen Nerv, weil sie den Satz ausspricht, den viele nicht sagen wollen: Israels Feinde sind nicht nur Israels Feinde. Sie sind Feinde offener Gesellschaften. Sie stehen gegen das, was liberale Demokratien im besten Fall schützen: jüdisches Leben, freie Frauen, sichtbare queere Menschen, religiöse Minderheiten, Meinungsfreiheit und persönliche Würde. Wer das nicht erkennt, hat nicht nur ein Israel-Problem. Er hat ein Freiheitsproblem.
Der Westen muss diesen Widerspruch endlich ehrlich benennen. Nicht morgen, nicht irgendwann, nicht erst nach der nächsten Ausladung jüdischer Gruppen oder dem nächsten antiisraelischen Aufmarsch. Jetzt. Denn es ist unerträglich, wenn Menschen unter dem Banner der Vielfalt politische Bündnisse mit denen eingehen, die Vielfalt nur so lange dulden, wie sie ihnen propagandistisch nützt.
Queere Freiheit endet nicht an Israels Grenze. Sie endet dort, wo man beginnt, ihre Feinde zu romantisieren.
Autor: David Goldberg
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 14. Juni 2026