2197 antisemitische Vorfälle in Berlin: Der Hass drängt Juden aus dem Alltag
Juden in Berlin erleben keinen Ausnahmezustand mehr, sondern einen Alltag der Bedrohung. Der neue RIAS-Bericht zeigt, wie tief Antisemitismus in öffentliche Räume, Hochschulen und Demonstrationen vorgedrungen ist.

Berlin hat sich an Zahlen gewöhnt, an die sich keine demokratische Gesellschaft gewöhnen dürfte. 2197 antisemitische Vorfälle dokumentierte RIAS Berlin für das Jahr 2025. Das sind im Durchschnitt rund sechs Vorfälle pro Tag. Hinter dieser Zahl stehen keine abstrakten Statistiken, sondern Menschen, die auf der Straße beschimpft, in der Bahn bedroht, in Restaurants angefeindet, an Hochschulen ausgegrenzt oder im öffentlichen Raum angegriffen wurden. Zwar liegt die Zahl unter dem besonders hohen Wert des Jahres 2024, doch sie bleibt weit über dem Niveau der Jahre vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Genau darin liegt die eigentliche Warnung: Der antisemitische Ausnahmezustand ist nicht vorübergegangen. Er hat sich verfestigt.
Der neue Jahresbericht beschreibt eine Hauptstadt, in der jüdisches Leben wieder stärker zur Frage der eigenen Sicherheit geworden ist. Viele Betroffene berichten, dass sie jüdische Symbole meiden, auf Hebräisch in der Öffentlichkeit verzichten oder Situationen anders einschätzen als früher. Wer eine Kippa trägt, einen Davidstern sichtbar zeigt, Hebräisch spricht oder als Israeli erkannt wird, muss in Berlin offenbar häufiger damit rechnen, zur Zielscheibe zu werden. Diese Entwicklung ist nicht nur ein Problem einzelner Täter. Sie ist ein gesellschaftliches Signal. Wenn Menschen ihre Identität verstecken, weil sie Gewalt, Beschimpfung oder Demütigung fürchten, dann ist nicht nur ihr persönlicher Alltag beschädigt. Dann ist auch das Versprechen dieser Stadt beschädigt.
Besonders erschütternd ist der Fall extremer Gewalt am Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dort wurde ein Tourist lebensgefährlich verletzt, nachdem ein Täter nach Angaben aus dem Verfahren Juden vermutet haben soll und dem Opfer von hinten ein Messer in den Hals stach. Der Mann überlebte nur knapp. Später wurde der Täter unter anderem wegen versuchten Mordes und wegen versuchter Mitgliedschaft in der Terrororganisation „Islamischer Staat“ zu 13 Jahren Haft verurteilt. Dass ein solcher Angriff ausgerechnet an einem Ort geschah, der dem Gedenken an die ermordeten Juden Europas gewidmet ist, macht die Tat noch bedrückender. Es ist, als sei der Hass nicht einmal vor dem Erinnerungsort bereit, innezuhalten.
Neben diesem Fall registrierte RIAS 39 weitere antisemitische Angriffe. Betroffene wurden nach Angaben der Meldestelle geschlagen, bespuckt, festgehalten, beleidigt oder mit Reizgas attackiert. Schmuck und Kleidung wurden heruntergerissen. Menschen wurden mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Das sind keine Meinungsäußerungen, keine politischen Missverständnisse und keine aufgeheizten Debattenbeiträge. Das ist Gewalt gegen Menschen, weil sie jüdisch sind, jüdisch wirken, israelisch sind oder mit Israel in Verbindung gebracht werden. Wer solche Vorfälle relativiert, entlastet nicht die Gesellschaft. Er lässt die Betroffenen allein.
Auffällig ist die Bedeutung von Demonstrationen und Versammlungen. RIAS dokumentierte 239 Kundgebungen mit antisemitischen Vorfällen, so viele wie nie zuvor. Viele dieser Veranstaltungen wurden dem antiisraelischen Aktivismus zugeordnet. Dort, wo angeblich nur Kritik an Israel geäußert werden soll, treten nach den dokumentierten Fällen immer wieder antisemitische Parolen, Terrorverherrlichung und Gewaltfantasien hinzu. Der Bericht verweist unter anderem auf Fälle, in denen das Hamas-Massaker vom 7. Oktober als „Sieg“ gefeiert oder zur Wiederholung aufgerufen worden sei. Damit ist eine Grenze überschritten, über die man nicht akademisch hinwegreden kann. Wer den Massenmord an Juden feiert, betreibt keine Nahostkritik. Er stellt sich moralisch an die Seite des Terrors.
Gerade der Begriff „Zionismus“ spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Laut Bericht stand das Feindbild „Zionismus“ bei mehr als jedem fünften Vorfall im Mittelpunkt. Immer wieder werden Juden pauschal mit Israel gleichgesetzt, und Israel oder Zionismus werden mit dem Nationalsozialismus verglichen. Begriffe wie „Zionazis“ oder Parolen wie „Kill Zios“ sind keine harmlosen politischen Zuspitzungen. Sie verschieben Judenhass in eine Sprache, die sich selbst für modern, antikolonial oder moralisch hält. Gemeint sind am Ende aber sehr oft Menschen, die als jüdisch, israelisch oder zionistisch markiert werden. Genau diese Verschiebung macht den israelbezogenen Antisemitismus so gefährlich. Er tarnt sich als Haltung und trifft doch Menschen.
Hinzu kommt eine Rückkehr alter antijudaistischer Bilder. RIAS verweist auf Schmierereien und Slogans, in denen Juden oder Israel mit dem Teufel verbunden werden. Formulierungen wie „Israhell“ oder „Zionists are indigenous to hell“ knüpfen an Vorstellungen an, die tief in der europäischen Geschichte des Judenhasses verwurzelt sind. Das Neue ist dabei oft nur die Oberfläche. Die Parolen erscheinen auf Plakaten, in sozialen Netzwerken, auf Wänden oder bei Versammlungen. Der Kern aber ist alt: Juden werden dämonisiert, Israel wird entmenschlicht, und aus politischer Feindschaft wird moralische Vernichtungssprache.
Besonders bitter ist, dass diese Entwicklung in Berlin an Orten sichtbar wird, die eigentlich Schutz, Bildung und Öffentlichkeit versprechen. Gastronomische Einrichtungen werden genannt, ebenso Hochschulen. Gäste eines israelischen Restaurants wurden laut Bericht mit antisemitischen Beschimpfungen angegangen. Universitäten gehören weiterhin zu jenen Orten, an denen der Anstieg seit dem 7. Oktober besonders deutlich sichtbar ist. Wer jüdische Studierende, israelische Wissenschaftler oder sichtbar jüdische Menschen auf dem Campus nicht schützt, beschädigt nicht nur einzelne Lebensläufe. Er beschädigt den Anspruch der Hochschule, ein Ort freier, sicherer und verantwortlicher Debatte zu sein.
Die Leiterin von RIAS Berlin, Julia Kopp, betonte, jede Meldung helfe, Ausmaß und Auswirkungen von Antisemitismus sichtbar zu machen. Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, sprach davon, dass israelbezogener Antisemitismus inzwischen die häufigste Erscheinungsform des Judenhasses sei. Berlins Antisemitismusbeauftragter Samuel Salzborn warnte vor einer Wiederkehr religiös geprägter antijudaistischer Bilder. Auch die Berliner Senatorin Cansel Kiziltepe erklärte, antisemitische Anfeindungen kämen inzwischen aus allen Milieus, während zugleich die Relativierung solcher Vorfälle zunehme. Diese Stimmen beschreiben nicht dasselbe Problem aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie beschreiben eine Lage, die so ernst ist, dass Wegsehen selbst Teil des Problems wird.
Wer jetzt nur auf die leicht gesunkene Gesamtzahl gegenüber 2024 verweist, verfehlt den Kern. 2197 dokumentierte Vorfälle sind kein Anlass zur Beruhigung. Sie zeigen, dass Berlin nach dem 7. Oktober nicht zu einer früheren Normalität zurückgekehrt ist. Die Jahre vor 2023 hatten im Schnitt deutlich weniger registrierte Vorfälle. Seit dem Hamas-Terrorangriff ist das Niveau dauerhaft erhöht. Aus einem Schockmoment wurde eine anhaltende Belastung. Aus Empörung wurde Gewöhnung. Und Gewöhnung ist für Minderheiten gefährlich, weil sie die Grenze des Erträglichen immer weiter verschiebt.
Auch der Blick nach Köln zeigt, dass es sich nicht um ein Berliner Sonderproblem handelt. Dort wurden laut Fachstelle gegen Antisemitismus im NS-Dokumentationszentrum 321 antisemitische Vorfälle im Stadtgebiet registriert, ein Anstieg um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im fünften Jahr in Folge wurde ein neuer Höchststand erreicht. Die Zahl antisemitisch motivierter Angriffe stieg von vier im Jahr 2024 auf zehn im Jahr 2025. Berlin ist der lauteste Brennpunkt, aber nicht die einzige Warnlampe. Der Hass ist mobiler, breiter und selbstverständlicher geworden.
Die wichtigste Frage ist deshalb nicht, wie oft Politik noch Betroffenheit formuliert. Die Frage ist, ob jüdisches Leben in Deutschland sichtbar bleiben kann, ohne zur Mutprobe zu werden. Es reicht nicht, nach Angriffen Kränze niederzulegen, Gedenkreden zu halten und Solidarität zu erklären. Entscheidend ist, was davor geschieht: auf Demonstrationen, an Schulen, in Universitäten, in Behörden, in Kulturhäusern, in Redaktionen, in Vereinen und auf der Straße. Antisemitismus beginnt nicht erst beim Messer. Er beginnt dort, wo Juden kollektiv verantwortlich gemacht werden. Er beginnt dort, wo „Zionist“ als Schimpfwort benutzt wird. Er beginnt dort, wo der Mord an Israelis relativiert, gefeiert oder als Widerstand verklärt wird.
Berlin braucht keine weiteren Bekenntnisse zur Erinnerungskultur, wenn diese Erinnerung im Alltag nicht schützt. Wer am Holocaust-Mahnmal betroffen schweigt, aber antisemitische Parolen in der Gegenwart als bloße Empörung über Israel verharmlost, hat aus der Geschichte zu wenig verstanden. Erinnerung ist nicht glaubwürdig, wenn jüdische Menschen im heutigen Berlin ihre Sichtbarkeit reduzieren müssen. Sie ist nicht glaubwürdig, wenn israelische Restaurants beschimpft werden, jüdische Studierende sich unsicher fühlen und Demonstrationen zu Bühnen für Terrorromantik werden.
Der RIAS-Bericht ist deshalb mehr als eine Statistik. Er ist ein Alarmzeichen für eine Gesellschaft, die sich zu oft damit beruhigt, dass Antisemitismus nur am Rand existiere. Die dokumentierten Vorfälle zeigen etwas anderes. Sie zeigen, wie flexibel der Hass geworden ist. Er kommt von rechts, von links, aus islamistischen Milieus, aus verschwörungsideologischen Szenen und aus bürgerlichen Räumen, die sich selbst für aufgeklärt halten. Sein gemeinsamer Nenner ist die Bereitschaft, Juden oder Israel zum Symbol alles Bösen zu machen.
Am Ende bleibt eine bittere Wahrheit: Deutschland hat sich nach 1945 geschworen, jüdisches Leben zu schützen. 2025 mussten jüdische Menschen in Berlin dennoch tausendfach erfahren, dass dieser Schutz im Alltag zu oft brüchig ist. Wer diese Zahlen liest und nur zur Tagesordnung übergeht, macht aus Antisemitismus ein Hintergrundrauschen. Genau das darf nicht geschehen. 2197 Vorfälle sind 2197 Gründe, den Selbstbetrug zu beenden.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 21. Mai 2026